Samstag, 19. Januar 2013

Oscar Wilde - De profundis

Lieber Bosie,
nach langem, vergeblichem Warten habe ich mich nun entschlossen, Dir zu schreiben, nicht nur in Deinem, sondern auch in meinem Interesse, denn mich schmerzt der Gedanke, dass ich in zwei langen Jahren der Gefangenschaft keine einzige Zeile von Dir erhielt und dass Deine spärlichen Botschaften und die wenigen Berichte über Dich mir nur Kummer bereitet haben.


Mit diesen Worten beginnt der wohl schmerzhafteste Brief, den Oscar Wilde jemals schreiben musste. Aus seiner Zelle, in der er sich 1895 nach einer Anklage wegen Homosexualität wiederfand, heraus entwickelt er einen Brief, der nicht einfach nur eine Nachricht an Lord Alfred Douglas darstellt, sondern ein unglaublich fesselndes Dokument ist. Wilde schafft es, in ungefähr 50.000 Wörtern seine gesamte Gefühlswelt zu offenbaren, die sich neu errichten muss zwischen Wut, Hass, Selbstmitleid, Verzweiflung, Trauer, Sympathie, Unverständnis und Liebe. Als Wilde beginnt, den Brief zu schreiben, ist er ein gebrochener Mann, der weiß, dass ihn dieser eine Prozess, in den er sich hat treiben lassen, alles gekostet hat. Als er den Brief beendet, ist er bereit, diesen völligen Zusammenbruch anzunehmen und ihn zur Basis seiner inneren Stärke zu machen. Doch dafür ist eines nötig: eine schonungslose Offenbarung von allem, was in ihm vorgeht.

"De profundis" ist für mich ein Meistrewerk der Briefkunst. Denn obwohl jeder Leser, der einen Funken Empathie bestizt, es nachvollziehen könnte, wenn Wilde flucht, tobt und brüllt - er tut es nicht. Er seziert Monat für Monat seine Beziehung zu Bosie, er stellt sich die - auch für ihn in ihrer Erkenntnis unangenehmen - Frage, weshalb er es nicht schaffte, diesen Mann loszulassen, obwohl ihm jeder dazu riet. Er stellt sich nicht als Opfer dar, und dennoch wird klar: ohne die verkorkste Vater-Sohn-Beziehung im Hause Douglas, ohne Bosies ständigen Willen, dem Vater noch eins reinzuwürgen, säße er nicht hier im Gefängnis. Und dennoch kann er ihn nicht hassen, denn der Hass als alleiniges Gefühl, würde Wilde noch mehr zusetzen, als es das Gefängnis tut. Und genau darin liegt die Stärke des Briefs - ein, wenn man sich auf Wilde einlässt, tatsächlich in sich selbst ruhender Mensch zu werden, der aus sich selbst heraus Antrieb erfährt. "Wenn er sagt "Vergebt euren Feinden", so meint er nicht, den Feinden zuliebe, sondern sich selbst zuliebe und weil die Liebe schöner ist als der Hass."

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