Donnerstag, 8. Dezember 2016

[Rezensionsexemplar] Fiona Palmer - Das Glück der roten Erde

Isabelle Simpsons größter Wunsch ist es, eines Tages Gumlea, die Farm ihrer Familie, zu übernehmen. Doch anstatt seiner Tochter eine Chance zu geben, macht ihr alternder Vater den undurchsichtigen Nachbarssohn Tim Simmons zu seiner rechten Hand. Tief verletzt kehrt Isabelle ihrem Zuhause den Rücken. Erst als eine Tragödie die Zukunft von Gumlea bedroht, erhält sie endlich die Gelegenheit, sich zu beweisen. Doch bei ihrer Heimkehr muss Isabelle erkennen, dass ihre Welt nicht mehr die ist, die sie einmal war …

Hach ja. Manchmal muss es bei mir einfach auch mal richtig seicht im Lesestoff zugehen und ich brauche Herzschmerz, Dramatik und möglichst einen exotischen Schauplatz. Dementsprechend glücklich war ich, als ich beim bloggerportal diesen Roman als ebook bekommen habe, um mich damit mal einen Tag auf die Couch zu verziehen. Und ja, ich gebe zu, diese Liebes- und Familiengeschichte rund um Izzy hat mir schon irgendwie das erkaltete Herzchen gewärmt, das war nett gemacht und erfrischend unrührselig erzählt. Hochklassige Dialoge muss man jetzt nicht erwarten, aber ich fand die gesamte Autorenstimme deutlich besser als bei anderen vergleichbaren Romanen. Allerdings war mir in dem Buch dann doch ein wenig zu viel Info über Farmleben in Australien - dass die Autorin hier diesen Background hat und sich auskennt, hat man echt gemerkt. Nach der Hälte hatte ich das Gefühl, selbst ich könnte jetzt Gumlea übernehmen, wenn ich mir einen Penis wachsen lasse :-p

Fazit: Es hätte kitschig werden können, das schafft die Autorin allerdings zu umschiffen. Nicht immer elegant zu umschiffen, sondern mehr wie mit einem schwer steuerbaren Floß, aber man kriegt einen netten Roman für einen schönen Herbsttag auf der Couch. Was will man manchmal mehr ;-)

[Buchgedanken] Ellen Alpsten - Weiße Schuld

Nach einer für sie sehr schmerzhaften Trennung hat sich die Journalistin Charlotte Frank von Deutschland nach Kenia entsenden lassen. Hier will sie für einen kleinen Fernsehsender in Nairobi arbeiten. Schon kurz nach ihrer Ankunft gerät sie versehendtlich in einen der größten Slums der Stadt und wird Zeugin, wie ein Albino fast zerstückelt wird. Diesesn wir in Kenia magische Kraft nachgesagt und ihre Körper sind wertvolle Bestandteile für schwarze Magie. Auf eigene Faust beginnt sie, die Hintermänner dieser Taten zu suchen ...

Ach, ich weiß auch nicht. Die paar Rezensionen auf amazon überschlagen sich vor Begeisterung, aber ich kann die einfach nicht nachvollziehen. Für mich war das Buch nicht wirklich spannend. Die Figuren erstickten geradezu in Klischees, effektiv war dadurch auch schon sehr schnell für mich klar, wohin der Hase läuft. Grade am Ende hatte ich spontan diese Szenen aus dem zweiten Indiana-Jones-Film vor Augen, wenn der nette Maharadscha-Knabe plötzlich das Herz des Archäologen rausreißen will. Das war mir dann doch zuviel Schwarzer Zauber und zu wenig glaubwürdige Beschreibung. Aber vor allem dieses permanente Gut-Sein von Charlotte, der Kämpferin für die Unterdrückten, ging mir nach einigen Seiten bereits gehörig auf den Senkel. Mein Gott, dieses ständige Betonen ihrer Kinheitstraumata, dank derer sie sich so gut hineinversetzen kann in die Unterdrückten dieser Welt ...#

Sehr viele Szenen waren für mich einfach auch extrem unrealistisch (zum Beispiel dieses spontane Anfreunden auf der Toilette!) und ich habe beim Lesen wirklich hin und wieder die Augen verdreht, bis mein Freund mich mal fragte, was mit mir los sei. Gestört hat mich darüber hinaus, dass man hier kaum etwas über kenianische Kultur erfahren kann, sondern es wurde Kenia quasi als Ort des Schreckens definiert, der nur dank der hehren Bemühungen der Weißen Kultur und Ordnung erfährt, während die Schwarzen hier prinzipiell die Bösen oder die Angestellten waren. Nee, irgendwie war das Buch nichts für mich und ich rate echt nicht zum Lesen. Schade, aber was will man machen.

[Buchgedanken] Riad Sattouf - Der Araber von morgen Band 2

Riad Sattouf ist wieder da. Ich hatte, nachdem ich über das Bloggerportal schon den ersten Band lesen durfte, nur darauf gewartet, den zweiten Band der Kindheitserinnerungen im graphic novel Formal aufschlagen zu können :-)

Immer noch ist der kleine Riad das blondgelockte Kindchen, das von seinem arabischen Vater und der französischen Mutter zwei verschiedene Welten vermittelt bekommt. In diesem Band ist es ebenfalls wieder die Figur des Vaters, die bei mir Beklemmungen ausgelöst hat. Einerseits ein studierter Mann, der im Westen gelebt hat und eine Frau geheiratet hat, die westliche Erziehungsideale hat und nur wenig arabisch spricht, und andererseits ein furchtbarer Sturkopf, der um jeden Preis zu den in diesem Fall syrischen Eliten gehören will und dafür dazu bereit ist, alle westlichen Einstellungen fallen zu lassen. Sei es in Bezug auf Kindererziehung, schulische Ansprüche oder dem Umgang mit Frauen - hier prallen Welten aufeinander, die den Leser immer wieder fordern.

Schlucken musste ich vor allem auch, wenn ich sehe, wie wenig Riads Mutter anscheinend Konter gibt. Sie lässt sich von ihrem Mann einspannen, wichtige Persönlichkeiten (beziehungsweise deren Ehefrauen) zu hofieren, sie lässt die strenge Erziehung der Kinder ohne Widerspruch zu, sie ist quasi auch nichts weiter als ein Einrichtungsgegenstand der für den Haushalt notwendig ist. War das wirklich so, ist das das Empfinden von Sattouf oder künstlerische Freiheit? ich weiß es nicht, bin aber wirklich neugierig, was da noch passiert in den Folgebänden ...

Auch diesmal ist die Farbgestaltung des Comics spannend. Hier dominiert vor allem wieder grün und rot in Hintergrundfarben, die restlichen Bilder sind schwarzweiß und sehr klar gehalten, meine Augen halten sich eher an den Flächen fest als am Detail. Dafür trägt die Erzählung mich durch die Seiten und ich will immer mehr erfahren. Ja, die Comics sind hervorragend, gerade auch, weil sie eine Sicht einnehmen, die ich als Westeuropäerin verstehen will und die mir einzunehmen doch immer sehr schwer fällt. Eine klare Empfehlung auch dieses Mal, ich finde es wahnsinnsig wichtig, nachvollziehen zu können, wie viele arabische Männer in den Achtzigern tickten, um dadurch auch die politische Entwicklung auf der arabischen Halbinsel verstehen zu lernen. Also auf jeden Fall reinschauen!!

[Buchgedanken] Isabel Allende - Paula

„Hör mir zu, Paula, ich werde dir eine Geschichte erzählen, damit du, wenn du erwachst, nicht gar so verloren bist.“ Im Dezember 1991 fällt Isabel Allendes Tochter Paula in Madrid ins Koma. Die Ärzte machen wenig Hoffnung und Allende verbringt die nächsten Monate am Krankenbett, wo sie zusehen muss, wie ihr Kind aus dem Leben schwindet. Also tut sie das, was sie kann, und beginnt zu erzählen. Von ihrer Familie und damit auch von Chile.

Ich habe vor einigen Jahren sehr begeistert "Das Geisterhaus" gelesen und dann "Paula" gekauft, aber nie wirklich zur Hand genommen. Die "Rund um die Welt"-Challenge war dann die Gelegenheit, mich wieder einmal nach Chile zu begeben. Isabel Allende ist eine sehr ausschweifende Erzählerin und ihre melancholische Erzählstimme muss man mögen, beziehungsweise sich sehr willentlich darauf einlassen. Wenn mand as aber tut, dann findet man in "Paula" einerseits sehr viele Dinge, die einen an "Das Geisterhaus" erinnern, gleichzeitig aber eine eher realistische Dastellung des Lebens in Chile. Auch hier trifft man wieder auf geradezu mystische Figuren, die einem im Laufe der Zeit mehr und mehr ans Herz wachsen. Paulas langsames Sterben schwebt über allen Erinnerungen, man weiß, wie das Buch enden wird, aber hofft gleichzeitig mit Allende, dass diese Familiengeschichte die Tochter zurück ins Leben trägt. Die Gegenwartshandlung, in denen man Allende ins Krankenhaus folgt, hat mich dabei immer wieder schlucken lassen, während die Rückblenden nach Chile mich vor allem fasziniert haben. Die Geschichte dieses Landes ist so vielfältig, so bunt und so verwickelt, dass ich mich sehr gern habe entführen lassen.

Ja, "Paula" war ein schönes Highlight in diesem Jahr und ich glaube, ich habe es genau zur richtigen Zeit gelesen. Manchmal muss man ein Buch wie guten Wein liegen lassen ;-)

[Buchgedanken] Graeme Simsion - Das Rosie-Projekt

Don Tillman ist Universitätsprofesor für Genetik und eigentlich eine gute Partie: gutaussehend, erfolgreich und eignetlich ganz sympathisch. Vorausgesetzt er hält den Mund und sich in seinen eigenen vier Wänden auf, denn bedauerlicherweise hat es Don nicht so mit Sozialkompetenz. Ironie ist ihm kein Begriff, Fakten sind ihm näher als Gefühle und Empathie sucht man bei dem undiagnostizierten Asperger-Kandidaten meist vergeblich. Don möchte aber heiraten und die Suche nach der Traumfrau geht er ganz wissenschaftlich an: Mit einem 16-seitigen Fragebogen. AAuf diese Weise will er die Eine finden, die nicht raucht, nicht trinkt, nicht unpünktlich und auf keinen Fall Veganerin ist.
Und dann kommt Rosie. Unpünktlich, Barkeeperin, Raucherin. Offensichtlich ungeeignet. Aber Rosie verfolgt ihr eigenes Projekt: Sie sucht ihren biologischen Vater. Dafür braucht sie Dons Kenntnisse als Genetiker. Ohne recht zu verstehen, wie ihm geschieht, lernt Don staunend die Welt jenseits beweisbarer Fakten kennen und stellt fest: Gefühle haben ihre eigene Logik ...

Das Buch habe ich relativ zügig weggelesen, denn Simsion hat ein Händchen für schnelle Dialoge und durchaus auch für Situationskomik, durch die er mich die ersten 200 Seiten ganz gut getragen hat. Gefallen haben mir die durchaus witzigen Nebenfiguren, insbesondere Dons bester Freund und Uni-Casanova Gene, insbesondere, weil diese offenen Beziehung von Gene und seiner Ehefrau durch Dons besonderen Blickwinkel sehr normal wirkt und das tatsächlich mal eine neue Darstellung ist. Insofern alles prima. 

Nach diesen 200 Seiten fing es allerdings an, sich totzulaufen, denn je länger ich las, desto mehr hatte ich das Gefühl all diese Szenen schon zu kennen. Das Buch lebt vom Klischee des autistischen Nerds, der alles außerhalb seiner eigenen Gedankenwelt mit staunenden Augen betrachtet und nie so richtig ankommt in der realen Welt. Kennen wir alle, die Sorte Sheldon Cooper eben. Um ehrlich zu sein, hat man bei dem Buch immer wieder Sheldon vor Augen, nur ohne Geek-Shirts. Dadurch verliert das Buch im Laufe der letzten 100 Seiten extrem an Fahrt, auch, weil man das Ende einfach vorher sehen kann. Klar hatte ich keine schöngeistige Hochliteratur erwartet, aber ein bisschen weniger offensichtliche Wendungen hätte man sich schon gewünscht. Insbesondere jedoch waren die dann doch immer gleichen Sammlungen von DNA-Material zur Vaterschaftstestung nicht mehr wirklich mitziehend und ich gestehe, dass ich da dann ein paar Absätze übersprungen habe. Trotzdem hat mich das Buch unterhalten, was ja schon einmal ein Pluspunkt ist.

Fazit: Es tut nich weh, es ist ganz nett zu lesen - und wenn man das Hirn freikriegen möchte, ist es mit Sicherheit eine gute Wahl ;-)


Dienstag, 29. November 2016

[Buchgedanken] Stephen King - Mr Mercedes

2009 stecken die USA in einer völligen Rezession und so stehen die Arbetslosen beriets am Abend vor der Eröffnung einer Jobbörse Schlange. Im Morgengrauen nähert sich ihnen ein grauer Mercedes, gibt plötzlich Gas und tötet 12 Menschen, darunter eine Mutter mit ihrem Säugling. Der Täter entkommt und hinterlässt im Fahrzeug einen Smilie-Aufkleber und eine Clownsmaske. Ein Jahr später erhält der pensionierte Detective Bill Hodges einen Brief vom Täter. Der macht sich über Hodges lustig und kündigt eine weitere Tat an. Dumm nur, dass er dadurch den Jagdtrieb des übergewichtigen Ex-Cops weckt, der sich zusammen mit dem technikaffinen Nachbarsjungen auf seine Spur setzt ...

Stephen King mal wieder. Ich kann ja einfach nicht an ihm vorbeigehen und das Buch ist mir in der Bibliothek quasi im Vorbeigehen in die Tasche gehüpft. Spannend fand ich bereits den Klappentext, der so gar nicht nach Stephen King klingt. Nicht, weil kein übersinnliches Element erwähnt wird (in seinen Novellen beweist er immer wieder, dass er auch ohne das Horror schreiben kann), sondern weil das so nach einem ganz typischen Krimiplot klang. Und in der Tat ist das das bislang untypischste King-Buch, das mir untergeommen ist - das scheint auch King zu merken, der das Buch bereits dadurch von seinen anderen Büchern kapselt, dass er die als explizit fiktionale Geschichten erwähnt, statt wie andere Romane durch dieselben Orte oder Ereignisse miteinander zu verknüpfen.

Am Buch extrem gut gefallen hat mir der Einstieg. Je älter King wird, desto mehr wird er zu einem sehr genauen Beobachter einzelner Personen, die er durch Handlung und Sprache charakterisiert wie kein zweiter. So begleite ich als Leser zunächst Augie mit zur Eröffnung der Jobbörse und werde reingeworfen in dieses Heer der Arbeitslosen. Im Anschluss erlebe ich Bills langweiliges Rentnerdasein und bin wie er der Meinung, dass Selbstmord angesichts des Fernsehprogramms eine ziemlich gute Option darstellt. Dann kommt es zum Bruch, denn mit einem Mal wechsele ich de Perspektive zum Täter. Dieser Brady Hartsfield - kein Spoiler, denn man wird als Leser nicht im Unklaren gelassen - ist ein Antagonist, der ziemlich weit oben in der Liste der Psychopathen zu finden ist. Am Anfang fand ich ihn fast schon zu überzeichnet, das bessert sich im Laufe der Zeit ein wenig.

Trotzdem hat mich das Buch nicht ganz überzeugt, was vielleicht daran liegt, das King einerseits sehr konsequen die Kiste der hardboiled-detective-stories öffnet, andererseits aber seine Protagonisten ehr wie die weichgespülte Teddybär-Variante von Sam Spade wirken. Bill ist einfach ein bisschen zu peinlich berührt ob seines Äußeren, einen Ticken zu alt und eine Spur zu pensioniert, um richtig hart drauf zu sein. Und auch die Yo-Bro-Fassade seines Helfers ist ja letztlich nur eine Fassade eines hochintelligenten potentiellen Elite-Uni-Studenten. Gekoppelt mit diesem absoluten Super-Schurken war ich immer mal wieder versucht zu sagen "jetzt werd mal ein bisschen realistischer, alter Junge", und das ausgerechnet bei Stephen King. Nichtsdestotrotz war das Buch kein Reinfall, ich wollte wissen, wie sie schließlich Hartsfield auf die Schliche kommen und wie das alles enden wird.

Fazit: für einen krimi zu light, für einen King wieder mal echt gut.

[Buchgedanken] Jay Asher - Tote Mädchen lügen nicht

Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon ...

Der Hype um das Buch ist so ein bisschen an mir vorbeigegangen - ich bin zu wenig begeisterter Young-Adult-Leser und zu wenig inder Blogszene drin, glaube ich. Aber irgendwie habe ich das Buch im Laufe der Zeit in jeder Buchhandlung stapelweise liegen sehen und dachte mir, ich wage mich doch mal ran. Aber als hätte ich es geahnt und deshalb so lange nicht zum Buch gegriffen, war es für mich nicht die große Erleuchtung. Ich habe, um ehrlich zu sein, einige Probleme mit dem Kerngedanken des Buchs. Das Problem, meiner Meinung nach, besteht darin, dass grade für Jugendliche, die in Hannahs Situation sind, das Buch Selbstmord letztlich als die Möglichkeit verkauft, es den ganzen Ärschen der Schule mal zu zeigen. Die kommen nicht ins Nachdenken, bis Hannah zu ihnen spricht. Die tote Hannah wohlgemerkt.Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Asher glaubt, dass eine lebendige Hannah nicht genug Macht hat, ihre Peiniger zum Nachdenken zu bringen - ihr Selbstmord ist also dieeinzige logische Handlungsmöglichkeit für sie. Ob das bei ihren Leidensgenossen in der Realität auch so ankommt, weiß ich natürlich nicht, aber ich halte es für gefährlich, dass diese Darstellung gewählt wird. Vielleicht hätte ich mir voneinem Buch zu der Thematik Mobbing mehr Empowerment erwartet als eine Selbstmörderin, die sich sehr lange in Selbstmitleid ergeht.

Ja, das ist das zweite, was das Buch für mich wenig lesbar gemacht hat. Hannah suhlt sich im Selbstmitleid und schiebt die Schuld an ihren Problemem konsequent ihren dreizehn "Gegnern" zu, obwohl deren Beteiligung an ihrem Selbstmord zum Teil wirklich sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt. Nein, natürlich ist Hannah nicht Schuld daran, dass sie gemobbt wird, das will ich gar nicht sagen, aber dennoch machte sich mir beim Lesen immer mehr das Gefühl breit, dass Hannah hier krampfhaft nach einer Begründung sucht, ohne die eigentlichen Probleme in ihrem Leben - niemanden zu haben, an den sie sich wenden kann - zu problematisieren. Stattdessen lamentiert sie darüber drei Jahre zuvor als der geilste Arsch der Jahrgngsstufe gewählt worden zu sein ... hmmmmmm, für mich war das nicht wirklich überzeugend, und das, obwohl ich selbst in der Pubertät dank einiger Klassenkameraden die Hölle durchgemacht habe. Es waren einfach immer so vordergründige Gründe für ihren Selbstmord, wirklich tief eingedrungen ist man nicht, und dadurch bleibt das Buch für mich - auch in der Zeichnung der restlichen Figuren - viel zu sehr an der Oberfläche. 

[Buchgedanken] Oliver Hilmes - Berlin 1936:Sechzehn Tage im August

Ich bin so ein Vier-Jahres-Sportschauer, egal ob Fußball oder Leichtathletik, und irgendwie ist dieses Buch die Kombination aus so ziemlich genau allem, was mich anspricht: mein Lieblings-Sachbuchautor schreibt ein Buch über die Olympischen Spiele 1936, das kann nur was werden.

Oliver Hilmes hat ja bisland nur Biografien geschrieben. Insofern war es für mich ganz interessant, mal zu sehen, wie er ein Buch angeht, das keine Person zum Thema hat, sondern ein Ereignis. Dieses Buch ist dementsprechend kein trockenes Sachbuch, sondern er nähert sich, das vorneweg, dem Ganzen ebenfalls über Personen an.

Für jeden einzelnen der 16 Tage Olympische Spiele stellt er eine Vielzahl von Personen in den Mittelpunkt, die direkt beteiligt sind an der Organisation "Olympia", die als Zuschauer oder Sportler im Stadion sind, die in Berlin das Stadtbild prägen - oder manchmal auch gar keine Verbindung aufweisen, in gewisser Weise aber ebenso die Spiele prägen werden, weil über sie nicht berichtet wird. Mit Hilfe von offiziellen Anweisungen wird sehr schnell klar, dass für die Nationalsozialisten Olympia in erster Linie eine Möglichkeit war, die Friedliebigkeit Deutschlands zu demonstrieren und Sympathien im Ausland zu sammeln. Für zwei Wochen werden in Berlin die Ausgaben des "Stürmer" mal nicht öffentlich ausgehängt, werden Ausgrenzung und Restriktionen nur im ganz Kleinen spürbar. Selbst die Zeitungen berichten überraschend positiv über die Sieger anderer Nationen- klar, werden doch nahezu täglich aus dem Propagandaministerium Anweisungen herausgegeben, wie über die Spiele geschrieben werden darf. Dabei wäre es für mich schön gewesen, auf einzelne Bereiche noch etwas stärker einzugehen, vor allem was die für Deutschland antretenden jüdischen Sportler angeht. Da bleibt das Buch dann doch sehr stark an der Oberfläche und ich hab parallel sehr viel recherchiert und im Internet nachgelesen. Trotz allem sind diese Miniaturen faszinierend und das Buch macht grade auch dadurch Lust auf mehr Informationen.

Wie immer ist das Buch informativ und unterhaltsam geschrieben, im typischen Hilmes-Stil, der einen sehr gut durch die Spiele führt. Insgesamt also eine klare Kaufempfehlung, die als Einstieg in die Olympiade 1936 gut geeignet ist.

Sonntag, 28. August 2016

[Buchgedanken] Rosa Zapato - Der Duft des Regenwalds

Als die junge Malerin Alice Wegner 1903 in Veracruz eintrifft, will sie eignetlich nur ihren Bruder treffen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft erfährt sie, dass er gestorben ist, ermordet nach einem alten Maya-Ritual. Welchen grund kann es geben, einen jungen archäologen zu beseitigen? Alice gibt nicht auf und stößt dabei auf das Geheimnis einer Maya-Prinzessin ...

Versuchen wir bei dieser Rezension mal einen anderen Ansatz. Stellen wir uns doch erst einmal die Frage, warum ich dieses Buch lesen wollte.

Punkt eins: es spielt in Mexiko. Neues Land, neue Punkte - yay. *häkchen an meiner Landkarte mach* Punkt zwei: der Klappentext klang ziemlich cool. Hey, altes Geheimnis, Maya, Mord! Das sind die Zutaten, aus denen wird bei manchen Autoren ein Mystery-Thriller mit allem drum und dran, klingt doch gut! Dass da außerdem die Rede davon ist, dass einem das Buch Mexiko vor alle Sinne führt, klang noch besser. Und drittens (und ja, das hat mich tatsächlich dazu gebracht, das Buch mitzunehmen) habe ich mich gefragt, wie dieser Inhalt dann in Verbindung steht zu diesem kitschigen Titelbild, das der Piper-Verlag gewählt hat und dessen titelfliegender pinker Schmetterling gemeinsam mit einigen Artgenossen jedes einzelne Kapitel einleitet. Entweder verbirgt sich hinter diesem Buch ein ziemlich cooler Thriller oder eine herzzerreißende Liebesgeschichte, aber wie soll das beides verbunden werden? Die Neugier war geweckt.

Der Einstieg war erst einmal typisch gewählt für den Stil des "großen geheimnises aus der Vergangenheit". Eine Maya-Königin wird geschildert, deren Stadt überfallen wird und der Palast muss deshalb fliehen. Allerdings ist mir so ein bisschen unklar, worauf das alles hinauslaufen soll, denn abgesehen davon passiert nichts, kein Geheimnis wird angedeutet und die Mayakultur wird nur so angerissen ins Spiel gebracht, dass ich eher irritiert bin. Dann bricht die Vergangenheit auch schon ab und wir landen in Berlin 1903 bei der Hauptfigur Alice.

Alice soll wieso oft das Bild der emanzipierten jungen Frau bieten, die sich von den Zwängen der Gesellschaft befreit und bla bla bla, ihr kennt das ja. Selbstverständlich lebt sie alleine, selbstverständlich ist sie von ihrer Familie verstoßen, selbstverständlich trägt sie mit Vorliebe hochgeschlossene Blusen und hochgestecktes Haar (und auch wenn sie blond ist, habe ich bei ihr sofort 1:1 Raquel Welsh in "Die Mumie" vor Augen). Und selbstverständlich liebt sie ihren Bruder heiß und innig. Der ist übrigens meiner Meinung nach noch schlimmer gezeichnet und trägt den liebenswerten Vornamen Patrick. 1903. Zu seiner Geburt so um 1880 herum war das ja der total angesagte Name, kam gleich hinter Jeremy-Pascal. Dieser Patrick soll jetzt also besucht werden im fernen Mexiko. So reist sie denn per Dampfer und macht doch natürlich sogleich Bekanntschaft einer mexikanisch-deutschen Familie, die so herzhaft klischeelastig geschildert wird, dass es fast eine Schande ist, dass sie danach nie wieder auftauchen. Dafür tritt in Veracruz gleich das nächste Klischee aus der Mottenkiste in gestalt von Juan Ramirez. (Ja, das ist sein Vor- und sein Nachname, aber nicht nur ich, auch die Autorin scheint dem feurigen Südländer so verfallen zu sein, dass sie gleich immer den Komplettnamen verwendet. Stellt euch bitte im folgenden nach seinem Namen noch einen feurigen Kastagnettenschlag oder sowas vor). Juan Ramirez ist DER Mann der feuchten Höschen. So sexy. So galant. So wunderbar. So spanisch! bereits nach drei Sätzen hängt er mir zum Hals heraus.

Immer noch erfahren wir nichts über diese Maya-Prinzessin in der Vergangenheit, stattdessen geht es jetzt weiter zur Plantage eines weiteren Deutschen, wo Patrick gewohnt hat. Jetzt sollte eigentlich der Teil losgehen mit "ich will herausfinden, wer meinen Bruder getötet hat", also die Krimihandlung. Die hat sich aber anscheinend im Regenwald verlaufen, denn stattdessen hören wir quasi nur noch, wie toll doch Andrés ist. Wer ist denn jetzt das schon wieder??? Der mögliche Mörder ihres Bruders, dem sie zur Flucht verhilft und der dann doch zu ihr kommt oder auch irgendwie nicht oder ... ach ersnthaft, es ist mühselig, dieses Gesabbel nachzuerzählen, auf dem sich die nächsten 300 Seiten hinschleppen, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. dieses Buch verliert mit zunehmender Seitenzahl mehr und mehr die Handlung und irgendwann ist es dann zu Ende und da taucht dann mal wieder die Königin vom Anfang auf. Fertig.

"Der Duft des Regenwalds" ist für mich nicht einmal ein Cody-Buch. Es ist keins, über das ich mich aufregen könnte, weil es selbst dazu zu belanglos ist. Es erweckt Erwartungen durch geschicktes Verlagsmarketing und die werden ann samt und sonders enttäuscht. Es bleibt nichts zurück, noch nicht einmal ein Gefühl für Mexiko - außer dem Gefühl, seine Lesezeit echt verschwendet zu haben.
 

Samstag, 27. August 2016

[Buchgedanken] Alan Drew - Die Wasser des Bosporus

Als 1999 ein Erdbeben Istanbul verwüstet, bricht die Existenzgrundlage des 42-jährigen Sinan zusammen. Der kurdischstämmige Ladenbesitzer kann gerade noch Frau und Tochter retten, sein Sohn wird er einige Tage später lebend unter den Trümmern des früheren Wohnhauses geborgen. Der sonst so stolze Mann ist plötzlich völlig abhängig von der Hilfe Fremder, und während sich seine Frau von westlichen Hilfsorganisationen unterstützen lässt und sich die Tochter in einen amerikanischen Nachbarsjungen verliebt, klammert er sich immer mehr an die Traditionen und seine Herkunft, die das einzige sind, was ihm geblieben sind ...

Erst einmal ein großes Kompliment an den Autor. Als Amerikaner ausgerechnet aus der Sicht eines relativ ungebildeten Kurden aus den bis heute unruhigen Gebieten der Osttürkei zu schreiben, das hätte stark in die Hose gehen und in einer Aneinanderreihung von Klischees enden können. Aber das ist es nicht - im Gegenteil. Ihm gelingt es, seine Figuren samt und sonders authentisch zu gestalten und dem Leser die Möglichkeit eines Perspektivwechsels zu geben. Ich verstehe sowohl Imre, die Tochter, die aus der engen Welt ihres Elternhauses ausbrechen möchte und das mit amerikanischen Fernsehserien und heimlichen Zigaretten versucht, als auch Sinan, der eigentlich nichts anderes will als seine Familie zu beschützen und dabei einen Fehler nach dem anderen begeht ohne es wirklich zu wollen, aber auch ohne seine Sichtweise vielleicht zu hinterfragen. Im Gegensatz zu "Drachenläufer" wurde mir bei dem Buch wirklich eine andere Sichtweise vermittelt, sodass ich sie nachvollziehen und mich einfühlen konnte, und ich finde grade angesichts der aktuellen Debatten über den Islam tut es ganz gut, sich auch einmal in diese Sicht einzudenken zu versuchen. Dass das ganze dann auch noch in einem sehr gelungenen Sprachstil geschieht, der mich beim Lesen einerseits mitreißt und mir andererseits ermöglicht, die angesprochenen Diskussionsebenen direkt nachzuvollziehen. Ich erlebe Argumentationen, statt sie einfach nur zu lesen. Und genau deshalb war das Buch eines der Highlight in diesem Jahr :-)