Dienstag, 14. Mai 2013

Wiley Cash - Fürchtet euch

Marshall, ein abgeschiedener Ort in North Carolina. Die Einwohner sind zum großen Teil teifreligiöse Tabakbauern, die versuchen, über die Runden zu kommen. Dominiert wird der Ort von der Kirche, respektive ihrem Stellvertreter, der Prediger Carson Chambliss. Dass er in seinen Gottesdiensten regelmäßig Menschen giftige Substanzen trinken oder mit Giftschlangen schmusen lässt, weiß man, ignoriert es aber so weit wie möglich. Doch nun ist Wegschauen nicht mehr möglich. Der dreizehnjährige Christopher, der sein ganzes Leben noch nicht gesprochen hat, liegt am Ende eines Gottesdienstes tot in der Kirche - eigentlich hätte er geheilt werden sollen ...
Ehrlich gesagt, dieser Bible Belt in den USA löst in mir immer ein undefiniertes Gefühl des Bedrohlichen aus. Ich kann gar nicht genau sagen, woran es liegt - sind mir tiefreligiöse, die Bibel so wörtlich nehmende Menschen einfach nur unheimlich? Oder ist es diese Absurdität von Massengottesdiensten und Predigern, die wie Showmoderatoren auftreten, die mein puritanisch-deutsches Herzchen aus dem Takt bringen? Was es auch sein mag, ich interessiere mich dennoch unheimlich für diese Religionsüberschüsse. Dementsprechend habe ich sofort zugegriffen, als mir am Bahnhof ein Exemplar von "Fürchtet euch" förmlich entgegengesprungen ist. Außerdem hatte ich mal wieder ein bisschen Lust auf Abwechslung von Krimis und bin dann tatsächlich durch Zufall bei einem ziemlich guten Stück Literatur gelandet ;-)
Wiley Cash ist ein verdammt guter Erzähler. Der Roman wird im Perspektivenwechsel von Christophers Bruder Jess, der ehemaligen Hebamme und Sonntagsschullehrerin Adelaide Lyle und dem Sherrif Clem Barefield erzählt. Alle haben eine unverwechselbare Erzählstimme, die aber dennoch alle eine sehr dichte und bildhafte Sprache gemeinsam haben. Gut, das letzte Kapitel mit einer doch sehr amerikanischen Predigt über Gott und Vergebung hätte es nicht gebraucht, doch bis dahin wird der Leser Stück für Stück mehr in ein sich langsam entwicklendes Desaster begleitet, das nahezu ausweglos erscheint. Die Macht des Predigers, die drei-Affen-Mentalität der Einwohner und die ungelösten Konflikte zwischen den Protagonisten sind es, die dass Buch trotz der sehr langsamen Erzählweise so spannend machen. Ich habe wirklich beim Lesen vergessen, wieviele Seiten ich schon hinter mir habe und war dann überrascht, als das Buch plötzlich zu Ende war. Sicher, man hätte da auch einen doppelt so langen Roman draus machen können, der dann wirklich tief in diesen amerikanischen Religionsgeist eindringt, aber ich findde, "Fürchtet euch" ist zumindest ein guter Ansatz, den ich wirklich empfehlen möchte.

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