Samstag, 24. August 2013

Robert Gerwarth - Reinhard Heydrich

Ich glaube, ich habe hier irgendwann mal erzählt von meinem Arbeitskollegen, dem während einer Stadtführung von einem Australier die Frage gestellt wurde "Tell me, who's your favourite Nazi?" Während ich mich spontan für die Schreibtischtäter wie Eichmann entscheiden würde, lautet die Antwort meines Arbeitskollegen: Heydrich. Denn "Rosshaare" ist so ziemlich die bescheuertste und verdienteste Todesursache, die sich bei den gesammelten Nazi-Köpfen finden lässt.

Tatsächlich ist Reinhard Heydrich ein wenig der "vergessene" Nazi, was einfach daran liegt, dass er bereits 1942 an den Folgen eines Attentats (besagte Rosshaare waren die Füllung seines Autositzes und bei dem Attentat in seinen Körper eingedrungen, wo sie letztlich zu einer Blutvergiftung führten) verstarb. Heydrich war Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren sowie der Mann, der 1942 die Wannsee-Konferenz leitete. Robert Gerwarth schreibt über ihn eine durchaus spannend zu lesende Biographie, die wieder einmal ein Vorurteil bestätigt: betrachtet man die führenden Köpfe des Nazi-Regimes, dann ist es fast noch unverständlicher, dass sie sich zwölf Jahre lang an der Macht halten konnten, so dilettantisch und absurd sind sie. Tatsächlich findet sich auch bei Heydrich wieder einmal eine solche Episode: seine Stellung bei Heinrich Himmler erhält er nur dank eines Missverständnisses. Himmler, der einen internen Geheimdienst aufbauen möchte, bekommt den Nachrichtenoffizier Heydrich empfohlen. Dass Heydrich einfach nur eine Ausbildung als Funker hat und von Geheimdiensten keine Ahnung hat - geschenkt. Denn dank seines in der Jugend mit Hilfe von Spionageromanen aufgebauten Fachwissens kann er Himmler dennoch überzeugen. Der hat vermutlich nicht mal Spionageromane gelesen ...

All das, den Weg des musisch ausgebildeten Sohn des Leiters eines Musikkonservatoriums zum Reichsprotektor, schildert der Autor in sehr sachlicher und angenehm zu lesender Weise. Das Buch enthält einige Bilder, wobei hier schon der erste Minuspunkt auftaucht, ich fand sie zum Teil ein wenig wirr angeordnet und nicht immer wesentlich für die Darstellung im Text. Darüber hinaus habe ich jedoch eine andere Problematik mit em Buch und die hat mit der These zu tun, die der Autor am Anfang aufstellt. Gerwarth möchte in seinem Buch zeigen, dass Heydrich nicht einfach nur ein Mitläufer und Karrierist war (wie z.B. Albert Speer), sondern ein überzeugter Antisemit und Nationalsozialist. Bedauerlicherweise gelingt ihm das in der Biographie nur bedingt, denn die konkreten Beweise für seine Behauptungen bleibt er öfter schuldig. Nur zu behaupten "es ist so, weil es so ist", ist meines Erachtens nach ein wenig zu einfach. Dadurch wirkt das Buch gelegentlich etwas oberflächlich, obwohl so viele Quellen angegeben werden. Nicht falsch verstehen, das ist eine sehr interessante Biographie, die aber genau dort, wo der Autor den Hauptaspekt legen will, sehr blass bleibt.

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