Dienstag, 18. September 2012

Stephen Fry - Der Lügner

Adrian Healey ist charmant. So ein Junge, den man sich später mal als Schwiegersohn wünscht. Allerdings ist Adrian auch ein Lügner – ein so charmanter und überzeugender Lügner, dass er damit seit Jahren durchs Leben kommt und das Extreme sucht. Sein anonymer Artikel in einer Schulzeitung an der ehrwürdigen Public School über Gruppensexorgien im Schlafsaal schockiert das Lehrerkollegium dann doch zu sehr und er muss die Schule verlassen. Dennoch kommt er nach Camebridge und studiert englische Literatur – und macht die Bekanntschaft von Donald Trefusis. Der Professor, der nach einem peinlichen Zwischenfall in einer Männertoilette aus dem aktiven Lehrdienst auszuscheiden droht, vertraut dem gerissenen Adrian ein Geheimnis an: er muss im Dienste des Vaterlands nach Salzburg reisen, um eine ungeheuerliche Erfindung zu retten. Ein Lügendeflektor, eine Maschine, der jeden Menschen zwingt, die Wahrheit zu sagen. Und Adrian soll ihn begleiten.
Damit beginnt eine rasante Spionagegeschichte, die mit einer unglaublichen Liebe zum Detail und zur Ausschweifung erzählt wird. Ach was, erzählt. Fry ist in Hochform und fabuliert, schwelgt in Sprache und absurden Einfällen, die fast schon ans Barocke grenzen. Nach diesem Buch, das das erste Buch war, das Fry veröffentlichte, weiß ich jetzt tatsächlich, was ich an ihm so mag: seine Begeisterungsfähigkeit. Sei es in Dokumentationen, in denen er sich freut wie ein Kind und jammert wie ein echter Mann, oder in Büchern, in denen man geradezu merkt, wie die Erzähllust mit ihm durchgeht und er es nicht mehr einsieht, sie zu zügeln: er ist immer bei der Sache und unverwechselbar er. So hat auch Adrian Healy sehr viel von Frys stürmerischem Public-School-Ich, das ich bis heute nur schwer mit dem twitternden Tchnik-Freak in Verbindung bringe, und Adrians Lügengeschichten wirken fast schon wie ein Vorausblick auf das Ganze Buch: nehmt es nicht Ernst, es ist doch nur eine Lüge – oder doch nicht?
Die Vermischung zwischen Fiktion und Relität gelingt vor allem durch Donald Trefusis, einem Professor, unter dessen Namen Fry regelmäßig Kolumnen und Radiobeiträge verfasste. Falls sie jemand lesen möchte: in „Paperweight“ sind etliche davon zusammengefasst (dazu werde ich auch irgendwann mal eine Rezension schreiben) ;-) Wer also lesen möchte, womit ein großer Professor seine Freizeit verbringt, wie englische Privatschüler in ihrer Schulzeit leiden, oder auch einfach nur rasant unterhalten werden möchte, der ist mit „Der Lügner“ perfekt bedient.

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