Donnerstag, 4. August 2011

Meine Lesebiographie

Gestern beim Ausmisten meiner Uni-Sachen bin ich über die Seminarunterlagen zu einem Kinderbuch-Seminar gestolpert, das mir wahnsinnig Spaß gemacht hat. In der ersten Stunde sollten wir für uns selbst eine Lesebiographie erstellen, also einen text, in dem wir über unsere Leseerfahrungen sprechen. Ich kann ihn natürlich nicht vorenthalten, schließlich passt er ja ideal hierher in meinen Blog.

Wenn man mich vor die Wahl stellen würde, Ohren oder Augen hergeben zu müssen, ich würde mich unweigerlich gegen die Ohren entscheiden. Keine Augen mehr zu besitzen würde bedeuten, das aufzugeben, womit ich einen großen Teil meines Lebens verbringe: das Lesen.

Es fällt mir schwer, mich an die Zeit zu erinnern, in der ich noch nicht lesen konnte. Ich glaube, ich habe mich schon mit meinen Bilderbüchern ins Bett oder auf die Couch verkrochen - bis heute meine liebsten Leseplätze - aber ich weiß definitiv, dass ich in der ersten Klasse ein absolut selbstständiger Leser war. Und ein Horter - ich musste Bücher einfach bsitzen. Und so hatte ich bereits im Alter von zehn Jahren eine erstaunliche Bibliothek, deren Bandbreite von Enid Blyton (allerdings nur der "Dolly"-Reihe und einigen ausgewählten Bänden "Hanni und Nanni"), Astrid Lindgren und Mark Twain ("Tom Sawyer" gleich dreimal, weil ich mich nicht entscheiden konnte, welches Buch am schönsten aussah) bis zu Edgar Allan Poe (so schön gruselig) und J.R.R.Tolien reichte. Dazwischen sprangen die Narnia-Bände herum, verbanden sich mit Cornelia Funkes "Potilla und der Mützendieb" (bis heute eines meiner liebsten Kinderbücher!) und gipfelten in einer bis heute bestehenden Sammlung von Erich Kästner udn Michael Ende. Der damals ungewöhnlichste Teil meines Regals bestand allerdings aus der Abteilung "Probieren geht über Studieren", so habe ich sie tatsächlich genannt. Dort landeten Bücher, die ich meinen Eltern aus dem Regal stibitzte, Bücher, für die ich eigentlich noch viel zu jung war, die aber so verführerisch und interessant wirkten. Dort landeten also "Der Herr der Ringe" (und verbrachte dort fast fünf Jahre aufgeschlagen auf Seite 44, weiter war ich mit elf einfach noch nicht vorgedrungen, obwohl ich den "Hobbit" regelrecht verschlungen hatte)oder "Per Anhalter durch die Galasxis" (auch hier mussten noch drei oder vier Jahre vergehen, bevor ich verstand, warum mein Vater sich beim Lesen dieses Buches regelecht ausschüttelte vor Lachen). Dort lag aber auch eine kleine Kladde mit Gedichten, in die ich bis heute die Gedichte schreibe, die mich beeindrucken - auch diese Liebe, vor allem zu Heinrich Heine, wurde schon in der Grundschule geweckt.

In der Pubertät wurde ich meinen Büchern nicht untreu, aber mein Lesegeschmack veränderte sich deutlich. Sich abzugrenzen gegen die Eltern bedeutete bei mir, eine Bogen zu machen um die Autoren, die die Jugend bis heute prägt, denn mein Vater verehrt Hermann Hesse geradezu abgöttisch. Das ist vermutlich der Grund, warum ich mit Hesse auch heute noch wenig anfangen kann, ich habe die Zeit verpasst, in der man ihn genießt und daraus lernt. Parallel zu meiner Lesewut bediente ich mich mehr und mehr aus dem elterlichen Bücherregal. Sowohl Krimis als auch aktuelle Romane wanderten weiter in mein Zimmer, ich machte die Bekanntschaft mit "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" und "Die drei Musketiere". Ich war immer noch Mitgleid der Leihbücherei, ich lieh mir aus, was Spaß machte. Eine Reihe von Büchern ist mit im Gedächtnis geblieben, die ich gerne für immer behalten hätte wollen, zum Beispiel die Reihe über historische Epochen, oder gesammelten Agatha-Christie- und Arthur- Conan-Doyle-Werke, die mit dem schicken schwarzen Einband. Natürlich habe ich es versucht, mich durch die zig Regalmeter Karl May zu kämpfen - und bin klägtlich gescheitert.

Und heute? Heute lese ich immer noch alles. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, Augen und Ohren offenzuhalten. Mich bei anderne Lesern umzuschauen und Bücher zu finden, die ich lesen will. Meine eigenen Gedanken zu Büchern zu machen, immer Neues zu sehen, Dinge zu finden, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie existieren. Und trotzdem immer wieder zum Ausgang zurückzukehren und mich darauf zu freuen, die lange Vermissen auch wieder aufzuschlagen.

Nein, wenn ich mich für Ohren oder Augen entscheiden müsste, ich würde die Augen wählen. Und die Nase, denn mehr noch als die Wörter auf einer nicht gelesenen Buchseite ist es der Geruch eines frischen Buches, der mich auf diese Reise mitnimmt, quer durch alle Regalreihen und wieder zurück.

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