Sonntag, 20. Oktober 2013

[Vergleich] Morton Rhue - Asphalt Tribe vs. Stefani Kampmann - Asphalt Tribe


Ich habe beide Bücher parallel gelesen und dachte, es ist vielleicht interessant, heute mal das Augenmerk darauf zu richten, die Umsetzung eines bekannten Jugendbuchs in ein anderes Jugendmedium zu beobachten. Zunächst aber mal zum Roman ;-)

„Asphalt Tribe“ ist weniger eine stringent erzählte Handlung mit Anfang und Ende, als vielmehr ein Ausschnitt aus einem alltäglichen und dennoch für uns unbekanntem Leben, nämlich dem von Straßenkindern. Nicht etwa Straßenkinder in Drittweltländern, sondern in Industrienationen, in denen man diesen Kindern durchaus begegnet, wenn man die Augen offen hält. Im Buch versammelt ist am Beginn eine wilde Mischung von Kindern zwischen elf und achtzehn, die gemeinsam in einer amerikanischen Großstadt überleben. Warum sie auf der Straße leben, ist völlig unterschiedlich, der eine entkommt seiner gewalttätigen Familie, der andere der Lieblosigkeit des Elternhauses. Gemeinsam haben sie, dass sie versuchen müssen, klarzukommen und so simple Dinge wie die Frage „Wo kriegen wir essen her, wo kann man sich waschen?“ geklärt werden müssen. Viele halten es nur aus, indem sie Drogen nehmen und dadurch z.B. zur Prostitution gezwungen sind, andere schaffen einen Absprung durch Hilfe von außen. Am Ende des Romans stehen gleichzeitig Hoffnungslosigkeit und Hoffnung nebeneinander und der Leser ist, wie immer bei Morton Rhue, aufgefordert, sich selbst seine Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen …

Morton Rhues Bücher sind in vielen Fällen ziemlich knallhart und durchaus schonungslos. Auch wenn hier Dinge wie Vergewaltigung und Tod (oder sagen wir es ganz knallhart: Verrecken auf der Straße) nur angedeutet werden, ist das Buch doch ziemlich starker Tobak, weil es so absolut keine Wertung vornimmt, sondern nur darstellt. Es ist ein Kamerablick, trotz der Ich-Perspektive, in der das Buch geschrieben wird, es ist eins der Straßenkinder, das hier seinen Alltag erzählt. Diese Perspektive ist ungewöhnlich und lädt natürlich zur Auseinandersetzung ein, so dass das Buch quasi prädestiniert für den Unterricht ist.

Mit der Graphic Novel, die die Geschichte unverändert übernimmt, kann der Unterricht definitiv ergänz werden, da ich finde, dass es sich hier um eine wirklich gute Umsetzung handelt, die dem Original gerecht wird. Die Strichführung ist sehr fest und geradlinig, entspricht also der Erzählperspektive im Roman. Auch wenn die Bilder relativ hübsch sind, hier ist nicht viel Weiches zu finden und es gibt ziemlich gute Panels, die die Weite der Großstadt und die Einsamkeit der Figuren deutlich machen. Was mir besonders gut gefallen hat, war der doppelseitige Aktenauszug, der immer mal zwischendrin eingestreut wurde und eines der Straßenkinder zum Thema hatte. Mit Fotos aus der Zeit bei ihrer Familie, einem kurzen Steckbrief und einer Zusammenfassung der Erfahrungen mit Polizei und Jugendamt erhält man kurz, knapp und sehr präzise einen Einblick in das Leben, das man sich im Roman zusammensuchen muss. Für mich war das wirklich eine eigene Auseinandersetzung der Zeichnerin mit dem Roman, statt ihn einfach nur in Bilder zu kleiden, und hat mir gut gefallen. Ich würde die graphic novel nicht allein empfehlen, weil Bildsprache interpretieren nicht unbedingt jedem liegt, aber sie ist ein guter Einstieg in den Roman oder ein Abschluss. Ersetzen sollte sie ihn nicht unbedingt.

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