Donnerstag, 8. März 2012

Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein

Uff. Mehr konnte ich einige Tage lang nicht zu diesem Buch sagen. Das Buch ist mein diesjähriges "Himmel, häng deine Leseliste für dieses Jahr an den Nagel, da kommt nichts mehr nach"-Buchm ehrlich.

"Jeder stirbt für sich allein" ist vor ein paar Jahren zum ersten Mal in einer vollständigen Ausgabe erschienen, in der die vom Verlag vorgenommenen Streichungen und Veränderungen zurückgenommen wurden, von denen es etliche gab. Das hängt mit der Entstehungsgeschichte des Buches zusammen.

Hans Fallada erhielt 1946 den Auftrag von Johannes R.Becher, einen Roman zu schreiben für den in der Sowjetische Besatzungszone gegründeten Aufbau-Verlag. Thema sollte der Widerstand der Arbeiter gegen den Nationalsozialismus sein, weshalb er Fallada eine Auswahl von Gestapo-Akten schickte. Darunter auch der Fall von Elise und Otto Hampel. Die beiden älteren Leute hatten, nach dem Tod von Elises Bruder als Soldat in Frankreich, zwischen 1942 und 1943 in Berlin begonnen, Flugblätter und Postkarten gegen das Hitler-Regime auszulegen, waren 1943 denunziert und in Plötzensee hingerichtet worden. Innerhalb von nur vier Wochen schrieb daraufhin Fallada den Roman "Jeder stirbt für sich allein", der sich mit seinen Protagonisten Anna und Otto Quangel lose an den Hampels orientiert.

"Jeder sitrbt für sich allein" ist ... ich finde eigentlich kein Adjektiv, es zu beschreiben. Es ist ein Buch, das einerseits einfach runtergeschrieben wirkt, Logikfehler beinhaltet und dessen Figuren man durchaus vorwerfen kann, sehr stereotyp zu agieren. Auf der anderen Seite ist aber auch genau das die Stärke des Buches. Es geht nicht um einzelne Individuen, sondern eher um die Frage nach Typen und durchaus auch typischem Verhalten, egal in welcher Situation. Anna und Otto Quangel sind das Typ des älteren Ehepaars, das sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat, sondern seine Gemeinsamkeit durch den Sohn erfährt. Der stirbt kurz nach seinem Einzug in die Armee und mit einem Mal beginnt bei den Quangels eine kleine Veränderung. Die bisherigen Mitläufer (Anna ist Mitglied in der NS-Frauenschaft, Otto durch seine Stellung in der Tischlerfirma natürlich Mitglied in der Deutschen Arbeitsfront), die sich mit dem Regime arrangiert hatten, stellen Fragen. Zunächst nur sich selbst, dann sich gegenseitig - und plötzlich ist da diese Idee da: es anderen Menschen zu sagen. Und die sagen es weiter. Und diese sich in Bewegung setzende Welle spült alles davon, macht alles ungeschehen. Eine naive Idee? Sicher. Aber trotzdem lassen sich die Quangels nicht davon abbringen - und man folgt ihnen als Leser einfach weiter, völlig unabhängig davon, dass man genau weiß, wo alles enden wird. Denn die meisten Karten landen bei der Gestapo und damit auf dem Schreibtisch von Kommissar Escherich - einer Figur, die sehr viel weniger typisch wirkt. Die auf der einen Seite exakt den Vorstellungen des brutalen Gestapo-Mannes entspricht, der sich seine Geständnisse auch durch Folter holt. Auf der anderen Seite ist er bereit, Fehler zuzugeben, ist ein altgedienter Polizist, der sich arrangiert hat und weiß, was von ihm erwartet wird, egal, ob er selbst es möchte oder nicht.
Parallel zu dieser Geschichte zeichnet Fallada das Bild einer Gesellschaft, in der zehn Jahre Nationalsozialismus dazu geführt haben, dass sich jeder darin eingerichtet hat oder einrichten musste. In der der Selbstmord einer Jüdin keine Aufregung mehr Wert ist, sondern nur zu einer Prügelei darüber führt, wer eigentlich das erste Recht hat, ihr die Wohnung leer zu räumen. In der ein ungefähr 15jähriger keine Hemmungen hat, seinen Vater in der Psychatrie ermorden zu lassen. In der mancher hinter geschlossenen Fensterläden hin und wieder ins Grübeln kommt und dann doch so weitermacht wie gehabt. Es ist ein Bild, das beim Lesen fassungslos macht und auf der anderen Seite immer wieder die Frage wachruft, ob man selbst tatsächlich diesen unglaublich naiven Mut der Quangels hätte haben können. Es ist ein Buch, in dem Logikfehler gar nicht stören, sondern vielmehr in die Absurdität des Alltags hineinzupassen scheinen.

Und es ist ein Buch zum Wiederlesen. Und wieder. Und wieder.

Kommentare:

  1. Ich habe das Buch auch daheim. Es hat mit mir so viele Dinge gemacht. Es hat mich glücklich gemacht, traurig, ängstlich, zuversichtlich, etc. Ich werde es immer wieder lesen und kann es nur jedem empfehlen.

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  2. Es gibt viele gute Bücher und dieses gehört zweifelsohne auch dazu. Mir reicht es allerdings, den Roman einmal gelesen zu haben. Das ist mittlerweile fast drei Jahre her und ich erinnere mich immer noch sehr gut daran und kann es auch nur jedem empfehlen!

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