Sonntag, 16. März 2014

[Buchgedanken] Martin Pollack - Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann

Ich fange heute mal ein bisschen anders an. Kennt ihr dieses Foto? Neben Einstein mit seiner Zunge ist das so ziemlich das bekannteste Foto von ihm. Es wurde von Philippe Halsman aufgenommen, einem der renommiertesten Portraitfotografen überhaupt, der mehr Titelseiten der Life! geschossen hat als jeder andere. Seine berühmteste Serie nennt sich "Jump" und ist ein großartiges Werk mit den Berühmtheiten seiner Zeit, die vor seiner Kamera genau das tun: in die Luft springen. Egal ob Marilyn Monroe, Antony Perkins oder Richard Nixon - Halsman hat sie in die Luft gekriegt. Und irritierendweise kennen wahnsinnig viele Leute diese Bilder, die Halsman gemacht hat, über den Fotografen an sich weiß man aber nur wenig. Umso erstaunter war ich, als ich beim Wiederlesen in meinem Bücherregal zum ersten Mal realisiert habe, dass Philippe Halsman identisch ist mit einem jungen Mann, der mir in einigen meiner True-Crime-Werken begegnet ist: Philipp Halsmann.

Wir schreiben das Jahr 1928 und befinden uns in Tirol. In einem idyllischen Tal machen sich eines Morgens zwei Männer auf zu einer Wanderung. Sie stammen aus Riga und sind Vater und Sohn. Max (oder Mordechai, so ganz klar wurde bei den Ermittlungen für die Österreicher anscheinend nie, wie er denn jetzt hieß) Halsmann ist Ende fünfzig, Zahnarzt und trotz seines Herzleidens sportlich extrem aktiv. Sein Sohn Philipp, Anfang 20 und Student an der Technischen Universität in Leipzig. Vater und Sohn sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere, wirklichen Streit hat es in der Familie allerdings nie gegeben. Doch dieser Tag wird damit enden, dass Vater Halsmann mit eingeschlagenem Schädel am Ufer eines Bachs liegt. Ist er nach einem Schwindelanfall vom schmalen Weg abgestürzt, die Böschung hinuntergefallen und hat sich dabei so schwer verletzt, dass er starb, wie sein Sohn behauptet? Oder hat der Sohn ihn im Streit erschlagen, wie die Polizei vermutet? Nur wenige Monate nach dem Tod des Vaters wird Philipp Halsmann in einem aufsehenerregenden Indizienprozess zu einer zehnjährigern Kerkerstrafe verurteilt. Seine Revision mindert das Urteil zwar zu vier Jahren, doch bis 1930 sitzt er in einem österreichischen Gefängnis. Dass er schließlich begnadigt wird, ist in erster Linie der Tatsache zu verdanken, dass die "Causa Halsmann" ähnlich wie einige Jahre zuvor in Frankreich der Dreyfus-Prozess nicht aus den Schlagzeilen gerät. Philipp, so glauben viele Künstler und Journalisten, hatte als Jude im antisemitisch-geprägten Klima Tirols nie eine Chance auf einen fairen Prozess. Tatsächlich nutzten nationalistische Parteien und Strömungen bereits während des Prozesses sämtlich Erkenntnisse für ihre Propaganda, Halsmann Verteidiger wurden in Misskredit gebracht und immer wieder gab es anonyme Briefe, die sich wünschten, den Juden Halsmann einfach am nächsten Baum aufzuknüpfen oder wahlweise in die nächste Schlucht zu stoßen, unabhängig von seiner Schuld.

In seinem Buch arbeitet Pollack diesen Fall noch einmal auf, allerdings nicht mit dem Anspruch, eine endgültige Lösung zu präsentieren, sondern vor allem die Problematik des Urteilsspruchs deutlich zu machen. Nach fast neunzig Jahren ist es natürlich auch ein wenig schwer, einen Täter zu präsentieren, und so zeigt der Autor in erster Linie den Prozessverlauf, in dem sowohl die besserwisserische Art Halsmanns als auch die Vorurteile der Jury eine ziemlich unglückselige Mischung hervorgerufen haben. Während Philipp auf alles eine Antwort hat, so unglaublich sie auch klingen mag, erhalten saloppe Scherze und unbedachte Handlungen eine Bedeutung zugemessen, die sich komplett gegen den Angeklagten richten. Dieses Konglomerat wird nicht besser durch die Tatsache, dass der Wiener Verteidiger Halsmanns die Tiroler per se für ein hinterwäldlerisches Pack hält, dem man keinen Meter gegen den Wind trauen darf - ideal, um eine Jury gegen sich aufzubringen, was er auch wiedlich nutzt. Das Urteil ist dennoch überaschend, wenn man sich die Indizien genauer betrachtet, die tatsächlich vor Ort gefunden wurden und nicht allein auf Hörensagen beruhen. Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen hätte mindestens drin sein müssen, dass dem nicht so gekommen ist, führte dann zwei Jahre lang zu einem Expertenduell der Psychologen, das im Buch ebenfalls dargestellt wird.

Für wen empfehle ich dieses Buch jetzt? In erster Linie für historisch interessierte Leser, die nichts dagegen haben, auch einmal ein Buch zur Hand zu nehmen, das streckenweise sehr wenig Spannung und viel langwierige Details enthält. Einen spannenden Krimi sollte man nicht erwarten, wohl aber ein Buch, dessen spannung darin besteht, sehr detailliert ein Zeitbild Österreichs Ende der Zwanziger Jahre vorzulegen. Ich mag es und freue mich wirklich, dass ich es wieder einmal in die Hand genommen habe ;-)

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