Sonntag, 23. März 2014

[Buchgedanken] Elizabeth George - Auf Ehre und Gewissen

Während Thomas Lynley sich in Arbeit vergräbt, um über die ziemlich rüde "Lass uns Freunde sein"-Abfuhr von Helen hinwegzukommen, schleicht sich an ihn und Barbara Havers ein neuer Fall an, der es in sich hat. John Coltrane, ein Freund von Lynley aus Eton-Zeiten, taucht im Yard auf und bittet ihn um diskrete Hilfe. Im Internat, in dem Coltrane als Hausvater und Englischlehrer angestellt ist, ist ein dreizehnjähriger Schüler seit zwei Tagen verschwunden. Vermutlich weggelaufen, so richtig weiß keiner was, und der Direktor hat kein großes Interesse daran, die örtliche Polizei darauf aufmerksam zu machen. Noch bevor Lynley zu- oder absagen kann, findet der Fall eine Lösung, oder genauer gesagt, einen Beginn für Scotland Yard, denn auf einem Friedhof wird die Leiche des Jungen gefunden. Allem Anschein nach wurde er vor seinem Tod gefoltert und dann auf dem Friedhof entsorgt, aber wer steckt dahinter? Lynley und Havers machen sich auf in eine Welt, die Lynley noch aus Kindertagen vertraut ist und die Havers zu Aggressionen treibt: englische public schools, in denen ein ungeschriebener Ehrenkodex dafür sorgt, dass niemand den anderen verpetzt - ideale Voraussetzungen für Ermittlungen ...

Der Fall selbst ist durchaus spannend, vielleicht hätten es eine oder zwei Seitenspuren weniger gebraucht für meinen Geschmack. Die Figuren sind mir dieses Mal allerdings zu sehr aus dem Klischeekästchen gefallen. Seien es der empathische Lehrer, der ehrenvolle Vertrauensschüler, der zynische Abschlussklässler oder wer auch immer - bei allen weiß man quasi vom ersten Auftreten an, dass sich hinter ihnen ein Abgrund an Geheimnissen auftun wird, und bei den meisten kann man diesen Abgrund auch bereits auf dem "unerwartetes Geheimnis:"-Schildchen lesen, das ihnen sozusagen um den Hals baumelt. Hier wird doch einiges vom Potential verschenkt, mit Klischees über public schools z spielen und vielleicht auch aufzuDer Fall ist insgesamt solide und wird am Ende gut aufgelöst und zusammengesetzt, aber auch hier gilt wieder: eine Wendung weniger hätte ihm zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen! Das Buch hat nicht einmal 400 Seiten, das heißt, es gibt wenig Schilderungen, die einfach nur den Alltag im Internat betreffen würden, alles wird nahezu gnadenlos dem Mord unter- und beigeordnet. Da lobe ich es mir ja schon, dass sich Elizabeth George inzwischen auch einmal Zeit dafür nimmt, zu schildern, auch wenn das vielleicht mehr Seiten zu lesen bedeutet.

In diesem Buch ist der Fall dann doch zum Glück wieder mehr im Mittelpunkt, wenngleich hier die Basis gelegt wird für das sich durch die folgenden Bände und bis heute hinziehende Kinderdrama im Hause St.James. Hier hält es sich zum Glück noch einigermaßen im Hintergrund und die Szenen können leicht übersprungen werden, wenn sie zu sehr nerven. Und zum Glück ist auch die Beziehung oder Nicht-Beziehung mit Helen relativ knapp gehalten (wir erinnern uns mit Schauern an den zweiten Band!) Barbaras Familie ist ebenfalls in einigen Szenen zu sehen, unter anderem im Schluss, der mich dann doch schlucken hat lassen - die Trostlosigkeit im Hause Havers angesichts der Krankheiten von Mutter und Vater ist wirklich nicht von schlechten Eltern. Überhaupt sind das meiner Meinung nach die stärksten Szenen im Buch, selbst die trauernden Eltern des toten Matthew verkommen fast schon zu Statisten, während Dorothy Havers Alzheimer mit ihren Fantasiereisealben und ihrer Hilflosigkeit trotz völliger Unbedeutendheit für den Fall dazu beiträgt, dass man Havers immer lieber gewinnt. Das ist die Stärke des Buchs, das ansonsten eher ein wenig kränkelt, insgesamt aber solide Krimikost verspricht, die immer noch bezaubernd altmodisch und englisch wirkt ;-)


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