Sonntag, 2. März 2014

[Buchgedanken] Elizabeth George - Nur eine böse Tat

Der Vorgänger dieses Buchs hörte mit einem echten Cliffhanger auf, der dazu führte, dass ich es kaum erwarten konnte, dass die Fortsetzung erschien. Dann jedoch hatte ich sie vor mir liegen - und jedes Mal, wenn ich sie anpacken wollte und den Klappentext las, hat mich etwas zurückgehalten. War es eine Vorahnung? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich von diesem Buch so enttäuscht war wie selten zuvor. Dabei klingt der Plot doch wirklich spannend ...

Das Buch beginnt exakt am Ende des Vorgängers, nämlich mit der Entdeckung Barbara Havers, dass Angelina, die Ex ihres Nachbarn Taymullah Azhar, erneut verschwunden ist. Aber diesmal hat sie das gemeinsame Kind Hadiyyah mitgenommen und ist spurlos untergetaucht. Barbara engagiert einen Privatdetektiv, der aber auch nichts weiter herausfindet. Erst ein halbes Jahr später tut sich etwas, denn Angelina taucht - ihren neuen Lebensgefährten im Schlepptau - völlig verzweifelt in London auf. Das Mädchen ist in Italien, wo die beiden nun leben, spurlos verschwunden. Um die britische Polizei zum Handeln zu zwingen, geht Barbara einen Pakt mit dem Teufel - oder um genau zu sein mit einem Boulevardjournalisten - ein und Lynley wird in die Toskana geschickt, um die Ermittlungen in Lucca zu begleiten. Schon bald wird Hadiyyah gefunden, doch bald gerät Azhar selbst ins Visier der Polizei. Hat er seine Tochter entführen lassen? Barbara, die um jeden Preis seine Unschuld beweisen will, verstrickt sich immer tiefer in ein Netz aus unüberlegten Handlungsmomenten und panischen Aktionen und legt sich einmal mehr mit ihrer Chefin an, bis ihr Job an einem hauchdünnen Faden zu reißen droht ...

Was ich jetzt erzählt habe, ist effektiv die Zusammenfassung der ersten dreihundert Seiten und ganz ehrlich, die hätten es getan. Die restlichen fünfhundert Seiten sind meiner Meinung nach total in die Hose gegangen. Ein gelungener Plot hätte mit Hadiyyahs Wiederfinden geendet, dazwischen ein paar tolle "was hat Azhar getan"-Momente eingeplant, ein klitzekleines bisschen Lynleys wiedergewonnene Lebensfreude gefeiert und Barbaras Handlungslinie gezeichnet, ohne mir als Leser das Gefühl zu geben, das Drehbuch einer schlechten Telenovela zu lesen.

Ich fand die Idee eigentlich sehr schön, nach Lynleys völligem Zusammenbruch nun auch Barbara in den Mittelpunkt eines Plots zu stecken, in dem ihr bisheriges Leben komplett auf den Kopf gestellt und ihre bisherigen Annahmen völlig in Frage gestellt werden. Selbst die dauerhaft uneingestandene Liebe zu Azhar hätte man schön einbringen können, aber Elizabeth George hat sich leider dazu entschieden, aus Barbara eine Frau im Gefühlssturm zu machen. Und da Havers eher kein Grashalm sondern mehr das Modell Nordmanntanne ist, muss dieser Sturm dann mit so schwerem Geschütz auffahren, dass dabei alles daneben geht. Das beginnt damit, das Barbara dieses Mal von einem sinnfreien Akt in den nächsten getrieben wird. Keine einzige ihrer Handlungen sind nachvollziehbar für jemanden, der seit achtzehn Bänden diese Figur erlebt hat. Barbara denkt überhaupt nicht mehr nach, verliert völlig die Kontrolle über alles, was sie anpackt und wird auf diese Weise eher zu einer Art Norne im Hintergrund, die mit allem, was sie in London spinnt die Situation in Lucca verschlimmert - Chaostheorie hoch zehn. Auch der Versuch, Aszhar als vielschichtigen Charakter zu präsentieren, geht dadurch in die Hose, dass er bislang eben einfach so gar nicht vielschichtig war und auch sein Verhalten einfach extrem blass und unglaubwürdig bleibt. Überhaupt sind die Figuren dieses Mal extrem blass und zum Teil wahnsinnig langweilig, seien es das italienische Krimipersonal (die extrem klischeehaft wirken, ganz abgesehen von der nervigen Angewohnheit amerikanischer Autorinnen, unmotiviert hier und da italienische Ausdrücke einzuschmeißen, um Authentizität zu suggerieren) oder Lynleys leise Freiersfüßchen.

Was mich am Buch am wenigsten angesprochen hat, waren diese permanenten neuen Handlungsstränge, die mir das Gefühl vermittelt haben, Elizabeth George wollte einfach nur noch ein paar Seiten draufladen. Da beginnt plötzlich mittendrin ein neuer Fall, plötzlich ist Angelina tot, ohne dass es für mich als Leser wirklich relevant wäre - dem Buch hätte es gut getan, sich auf eine Idee zu konzentrieren, statt alle nebeneinander wahr werden lassen zu wollen, dann wäre auch nicht halb so viel Hektik drin gewesen und deutlich mehr Raum, um die Figuren wirklich lebendig werden zu lassen.

Verdammt, ich will das nächste Buch doch auch lesen, aber im Moment habe ich so wenig Lust drauf :-(

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