Dienstag, 30. Oktober 2012

Jussi Adler Olsen - Das Alphabethaus

Jeder Mensch hat eine Art von Geheimnis, das zu offenbaren besonders schwer fällt. Das liegt vor allem daran, dass man Angst hat, bei Bekanntwerden dieser Tatsache sein mühevoll aufgebautes Image zu verlieren. Eines dieser Geheimnisse ist bei mir die Tatsache, dass ich ein stilles Vergnügen daran habe, absolut hanebüchene Plots, bei denen die Hirnzellen eigentlich gerne Selbstmord begehen möchten, hinnehmen zu können, sobald ich Stress habe. Im Klartext heißt das, dass ich beispielsweise die heiße Phase der Notengebung in der Schule nachmittags gerne mit dem kompletten RTL-Programm kompensiere. Oder, dass ich mich von einem Buch unterhalten fühle, das bei einer objektiven Betrachtung einfach nur die Bewertung „Stuss hoch drei“ verdienen würde. Einem Buch wie „Das Alphabethaus“.
James und Bryan sind seit ihrer Kindheit die besten Freunde. Die beiden treten bei Ausbruch des 2.Weltkriegs gemeinsam in die Armee ein und werden zur Luftwaffe geschickt. Als Bomberpiloten fliegen sie Angriffe auf deutsche Städte, bis eines Tages das geschieht, was sie immer heimlich befürchtet haben: bei einem Einsatz wird ihr Flugzeug abgeschossen und sie landen im Feindesland. Glück im Unglück: den beiden gelingt es, sich in einen Zug zu schmuggeln, der augenscheinlich Verletzte von der Front in ein Sanatorium transportiert. Also tun sie, was getan werden muss: sie werfen zwei dem Tode geweihte Soldaten aus dem Zug und springen in deren Betten. Dumm nur, dass es sich dabei nicht einfach nur um Kriegsverletzte handelt, sondern der Zug unterwegs ist zu einem Nervensanatorium, in dem die geistig Zerrütteten behandelt werden sollen. James und Bryan bleibt nur noch eine Chance: sich verrückt stellen und hoffen, dass zumindest die Tarnung hält. Aber was, wenn die Grenzen zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit immer mehr verschwimmen?
Vorneweg: die historischen Fakten sind dürftig, die Darstellung der Deutschen ist stereotyp und die Logikfehler der Geschichte lassen bei genauerer Betrachtung nur den Schluss zu, dass Adler Olsen entweder sehr betrunken gewesen sein muss oder sehr im Schreibfluss. Und trotzdem habe ich das Buch einfach in einem Rutsch durchgelesen und mich blendend unterhalten gefühlt. Es ist spannend und bringt immer wieder Neues ins Spiel, und – was ich zumindest fand – es ist trotz aller Irrealität fair in dieser Irrealität. Nicht davon ist so an den Haaren herbeigezogen, dass man es nicht für einen logischen Fortschritt der Geschichte halten würde. Seite Stephen Kings „Misery“ ist genau das für mich das entscheidende Kriterium für die Beurteilung eines Buchs, die Fairness der Geschichtslogik – und die muss ich diesem Buch einfach zugute halten.

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