Montag, 4. Juni 2012

Nicole Glocke - Erziehung hinter Gittern

Obwohl die DDR bereits seit 22 Jahren auf dem Friedhof der untergegangen Staaten weilt, setzt man sich im wiedervereinigten Deutschland erst langsam mit diesem Staat auseinander. Was besonders selten thematisiert wird, ist der Umgang der DDR mit den Kindern und Jugendlichen, die aus welchen Gründen auch immer auffällig geworden waren. Jugendkriminalität gab es in der DDR offiziell nicht, denn wer als Jugendlicher straffällig wurde, wurde sehr schnell abgeschoben in ein geschlossenes System, in dem Jugendfürsorge, Schule und Kinderheim gemeinsam arbeiteten, während das Elternhaus völlig außen vor blieb. Eben das galt auch für Kinder und Jugendliche, deren Eltern nicht staatstreu agierten oder die sich selbst ans Jugendamt wandten und um Unterstützung baten. Absoluter Höhepuntk des Systems war der geschlossene Jugenderziehungshof Torgau, hinter dessen vergitterten Fenstern sich eine Jugendhaftanstalt verbarg, in der alles daran gesetzt wurde, den Willen der "Insassen" zu brechen. Von diesem Jugendwerkhof - oder vielmehr, von dem Weg dreier Jugendlicher nach Torgau - handelt das Sachbuch "Erziehung hinter Gittern".

Es ist ein Sachbuch, das muss man zuvor wissen. Allerdings hat sich die Autorin dazu entschiedene, in erster Linie drei Fälle punktgenau zu schildern und die Karrieren der drei Kinder und Jugendlichen bis in den Jugendwerkhof genau darzustellen. Das ist einerseits sehr hilfreich, weil man als LEser sofort in diesen Bann gezogen wird und Schritt für Schritt mitverfolgt, wie den dreien eigentlich immer weniger Chance gegeben wird, ein geregeltes Leben außerhalb des Jugendwerkhofs zu führen. Auf der anderen Seite fand ich dass Buch dann fast schon ermüdend, vor allem im letzten Fall, weil es effektiv nichts Neues erzählte, sondern immer wieder dieselben Informationen von sich gab. Was mich aber noch mehr störte, war das völlige Fehlen von Hintergrundinformationen außerhalb der vorgestellten Fälle. Das heißt, ich hätte einfach gerne mehr Informationen über die rechtliche Situation, über das Schul- und Kindersystem der DDR gehabt - was im Buch quasi als Vorwissen vorausgesetzt wird - und mich dadurch besser in dieser Lebenswelt zurechtgefunden.

Fazit: Gut zu lesen, aber durch die fehlenden Hintergrundinformationen manchmal wirklich ermüdend.

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