Sonntag, 31. Januar 2016

[Buchgedanken] Hannah Kent - Das Seelenhaus

Island 1828. Die Magd Agnes ist des Mordes an ihrem Arbeitgeber angeklagt und wird schuldig gesprochen. Als Auflage soll sie bis zu ihrer Hinrichtung als Magd in der Familie eines Beamten leben und arbeiten und dort von einem Pfarrer auf ihre Hinrichtung vorbereitet werden. In der Kälte des isländischen Winters  begegnet die Familie der wortkargen Frau mit Misstrauen, der Pfarrer weiß nicht, mit ihr umzugehen. Im Laufe der Zeit erzählt ihm Agnes mehr und mehr von ihrem Leben und ihrem weg hin zu der verhängnisvollen Mordnacht ...

Ich hatte das Buch Weihnachten 2014 bekommen und habe es dann rigendwie immer weggelegt, weil es zwar auf der Rückseite ganz spannend klang, andererseits aber auch nach vielen endlosen Monologen. Den Januar habe ich mal genutzt, wirklich seltene Länder in meinem Regal zu bereisen, und so landete ich dann doch bei "Das Seelenhaus". Besonders spannedn fand ich bereits die Tatsache, was ich bis dahin nicht wusste, dass es sich hier um einen realen Fall handelt. Agnes war die letzte in Island hingerichtete Frau und ihr Grab kann man bis heute auf dem Friedhof finden. Hannah Kent hat die Geschichte bei einem Austauschjahr in Island kennengelernt und weiter recherchiert, sodass sehr viele der im Buch zitierte Briefe den Originaltext zeigen.

Agnes ist eine wahnsinnig faszinierende Frau, die ihre Verstrickungen in den Mord nie leugnet und die auch nie versucht, ihre Schuld kleiner zu reden. Sie ist intelligent und tatkräftig, als uneheliches Kind ist es für sie aber kaum möglich, ein anderes Leben zu führen. Von früher Kindheit an lrnt sie, dass sie sich ihren Platz in der Welt nur durch Arbeit verdienen kann - und dass sie sich nicht auf Männer verlassen kann. In dem Freidenker Nathan findet sie schließlich einen Mann, den sie lieben könnte, und so folgt sie ihm und seinen Versprechungen auf seinen Hof, nur um erkennen zu müssen, dass dort eine andere das Szepter in der Hand hält. Nichtsdestotrotz bleibt sie.
Ich fand vor allem die sich langsame entwickelnde Bzeihung zwischen Margaret und Agnes großartig. Während erstere am Anfang überhaupt nicht akzeptieren will, dass Agnes bei ihnen untergebracht wird, erkennt sie sehr schnell, dass sie sich auf Agnes verlassen kann, egal, was sie sich hat zuschulden kommen lassen. Auch die Töchter der Familie reagieren sehr unterschiedlich auf die Mörderin - während die eine versucht, dem Geheimnis auf die Spu zu kommen und sich mit Agnes anfreunden will (und sei es vielleicht nur aus Sensationsgier), geht die andere ihr aus dem Weg und stößt sie von sich, um erst gar keine mögliche Bindung zuzulassen. Letztlich ist es genau das, was im Buch auffällt - die Figuren gehen zu Agnes nie eine wirkliche Beziehung ein. Sie benutzen sie oder nutzen sie aus. Die einzige bedingungslose Beziehung hat Agnes als kleines Mädchen zu ihren Pflegeeltern, doch diese Idylle endet mit dem abrupten Tod der Pflegemutter.

Das Leben in Island im 19.Jahrhundert wird hier sehr detailliert vor Augen geführt, vor allem aber ein Psychogramm einer Mörderin, bei der nie die Frage nach dem "ob" im Mittelpunkt steht, sondern nur die nach dem "Warum?" - ein wirklich tolles Buch mit leiser Stimme und viel Atmosphäre.


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