Sonntag, 21. Juni 2015

[Buchgedanken] Götz Gercke - Aaron Grünblatt und der blinde Passagier aus Madras

Aaron Grünblatt ist frisch in Rente, und wie so jeder Rentner hat er leichte Probleme damit, seine viele freie Zeit zu nutzen. Als er auf Geheiß seiner Frau den Dachboden aufräumt, findet in einer Truhe seine alte Comicsammlung und liest sich an "Tim und Struppi" fest. Und so findet er seine Aufgabe: Eine Reise zum Mond. Mit allen vorhandenen Materialien aus dem Keller bastelt er eine Rakete, fliegt zum Mond und steht gleich vor dem nächsten Problem - wohin mit dem Mondstaub unter seinen Schuhsohlen? Na klar, in den Marianengraben, da kann er nicht gefährlich werden und die Erde kontaminieren. Also schraubt er aus Regentonnen und ausrangierten Elektroteilen ein Uboot zusammen, in dem er sich aufmacht, den Marianengraben zu erkunden - und finden an Bord plötzlich Sabbat, einen indischen Fakir aus Madras, der sich als blinder Passagier eingeschlichen hat. Der hat nämlich eine Schatzkarte, die einen riesigen Piratenschatz in Papua-Neuguinea in Aussicht gestellt wird. Und da könnte man doch eine Abstecher - Alles klar. Also nehmen die beiden Fahrt auf, legen sich mit Riesenkraken, menschenfressenden Eingeborenen und der Tiefsee an und gehen auf eine Reise, die selbst Baron Münchhausen in seine Schranken weisen ....

Ich war selten bei einem Buch beim Kauf so überzeugt, dass ich es lieben werde, um dann beim Lesen immer mehr ein extrem unangenehmes Gefühl zu bekommen. Die ersten Seiten lesen sich irgendwie noch ganz locker-flockig. Komplett an den Haaren herbeigezogene Einfälle kombiniert mit einem so selbstbewussten Erzähler, dass der die Leser für vollständig bescheuert hält und ihnen das auch so mitteilt. Aber je länger ich gelesen habe, desto mehr hat sich das totgelaufen. Desto weniger angetan war ich von der Machart des Buches und desto mehr abgestoßen hat es mich zum Teil auch. Auf der Hälfte hatte ich einen ziemlichen Lesestopp und hab mich erst heute dazu aufraffen können, die restlichen 200 Seiten bei einer längeren Homtrainer-Session einfach runterzureißen. Viel mehr Spaß hatte ich dabei auch nicht, aber immerhin trainierte Beine ...

Woran liegt es jetzt, dieses unangenehme Gefühl? Da sind mehrere Dinge.

Zum einen der ziemlich auf den Keks gehende Schreibstil, der anfangs noch witzig klingt. Krude Vergleiche, dämliche Wortspiele und jede Menge Filmzitate, die irgendwann aber nur noch belanglos und gewollt wirken. Das war das, was mich am längsten aufgehalten hat. Viel schlimmer war für mich jedoch der immer stärker werdende Pennälerhumor, der sich da eingeschlichen hat und bei dem ich mir echt manchmal für blöd verkauft vorkam. Dass Aaron Grünblatt dem Druckausgleich in der Tiefsee dadurch entgegen kann, dass er viereinhalb Liter Wasser trinkt, dadurch seinen Körper aus 100% Wasser bestehen lässt und so nicht zerquetscht werden kann - das ist Münchhausiade pur. Aber warum zur Hölle dann diese extrem peinlichen, weil bemüht witzigen Exkursionen zu seiner Vorhaut und dem beinahe platzenden Penis? Sind wir echt wieder in der sechsten Klasse? Auf dem Niveau geht es leider ständig zu, das hab ich in der Schule schon oft genug, ich brauche es nicht noch in meinen Büchern.

Das dritte, was mir diesmal echt sauer aufgestoßen ist und womit ich mit Sicherheit als Spielverderber gelte - ich habe mit keinem einzigen Wort verstanden, warum die Figuren da jetzt ein indischer Fakir und ein jüdischstämmiger Rentner sein müssen. Irgendwie dienen diese Hintergründe nur noch mehr für dämliche Witze und grade die Darstellung des Inders ist ... nee, nicht einfach nur ein Klischee. Effektiv übernimmt er nichts anderes als die Rolle des Freitag für Robinson Crusoe, und während er eigentlich ja was auf dem Kasten hat, wird das von Aaron in seiner Selbstherrlichkeit komplett negiert. Das könnte lustig sein, wirkt aber trotzdem wie ein Stammtischler, der einen latent rassistischen Witz nach dem anderen erzählt, sich dabei auf die Schenkel klopft und jedem, der das nicht witzig findet, vorwirft, er hätte halt keinen Humor. Und das ist so irgendwie gar nicht mein Humor, so dass mir eher das Lachen im Hals stecken geblieben ist.

Das Buch ist keine Empfehlung von mir. Es ist auch kein Abraten. Ehrlich, ich weiß nicht genau, was ich damit machen würde ...

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