Mittwoch, 15. Februar 2017

[Buchgedanken] Marguerite Yourcenar - Der Fangschuss

1919. Im Baltikum herrscht Bürgerkrieg. Mit einem Trupp von Weißgardisten kommt der preußische Offizier Erich von Lhomond nach Kratovice. Dort leben in einem halbzerstörten Schloß sein Jugendfreund Konrad von Reval und dessen Schwester Sophie. Inmitten der Kriegswirren entwickelt sich eine Geschichte voll erotischer Spannung. Als Sophie eines Tages mit den Rotgardisten verschwindet, ahnt Erich nicht, wie sie sich wiedersehen werden ...

Das Buch steht seit Erscheinen der SZ-Bibliothek in meinem Regal rum und Ende letzten Jahres habe ich gedacht, ich könnte mich ja endlich mal dran machen. Schon die ersten Seiten haben mir gezeigt, dass man für Yourcenars Werk wirklich in Stimmung sein muss. Die Melancholie zieht sich sehr schwermütig durch jede einzelne Seite und nur allzu oft war ich versucht, dem guten Erich zuzurufen, er solle jetzt mal mit dem nervigen Rumgeheule aufhören. Erzählt wird dieser Kurzroman nämlich in der Ich-Form aus Erichs Perspektive, der sich im Zweiten Weltkrieg während eines Truppentransports zurückerinnert. Dies ist, zumindst meiner Meinung nach, aber eindeutig die Einladung an den Erzähler, sich zu verlieren in Andeutungen, Rücksprüngen und einem unglaublichen Selbstmitleid darüber, wie sehr er doch Sophie auch heute noch nachtrauert. De facto ist es aber er, der Sophie, die heftig in ihn verknallt ist, immer wieder mit dem Anziehen-und-Abstoßen-Spiel an sich bindet und dabei gleichzeitig unterdrückte homoerotische Gefühle für ihren Bruder hegt.

Erich war mir also die meiste Zeit über herlich unsympathisch, während ich zu den anderen Figuren so gar keinen Zugang gefunden habe. Konrad war sehr verwaschen und geisterte eher ein wenig im Hintergrund rum, er erinnerte mich spontan an diese völlig durchgeistigten, meistens Klavier spielenden Aristokraten, die kurz vor Ende des Krieges Selbstmord begehen, weil sie an der Seele gebrochen sind. Sophie in ihrer Naivität und Verliebtheit ist nett, allerdings fällt es mri schwer, auch nur irgendeine ihrer Handlungen nachzuvollziehen. Mit Sicherheit liegt das daran, dass Erich nicht einmal im Ansatz versucht, Gründe für ihre Taten zu finden, die nichts mit ihm selbst zu tun haben - ich glaube aber, das hinter Sophies Verhalten noch anderes stecken muss, Erich sich aber nicht einmal die Mühe macht, diesem auf die Spur zu kommen.

Nein, ich werde vermutlich kein Fan von Yourcenar, deren Stil mir so überhaupt nicht zusagt. Dennoch kann man mal reinschauen, denn kurz genug ist das Buch, um sich einen Eindurck zu verschaffen.

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