Samstag, 18. April 2015

[Buchgedanken] Birgit Ringlein - Der Duft von Ambra

Akkon im Jahre des Herrn 1189. Die junge Jezabel ist die Tochter eines jüdischen Alchemisten und wird von ihrem Vater in die Geheimnisse der Parfümherstellung eingeweiht. Doch als das Kreuzfahrerheer Richard Löwenherz' vor den Toren der Stadt aufmarschiert, ist das ruhige Leben der jungen Frau aus dem Gleichgewicht. Nicht nur, dass sie sich in den englischen Kreuzfahrer Henry de Brezé verliebt, auch Sultan Saladin hat ein Auge auf die junge Schönheit geworfen. Gerade noch kann sie seinem Harem entkommen und wird von Henry nach England geschickt. Auf ihrem abenteuerlichen Weg über das Meer gelangt sie nach Rom und schließlich nach Nürnberg, bei sich immer die letzten Überreste von Ambra, dem kostbaren Duftstoff, mit dem sie es schaffen will, Parfüme von nie dagewesener Qualität herzustellen ...

Dieses Buch ist mein erster Cody, den ich vergebe, seit langer, langer Zeit. Ich hätte vorgewarnt sein müssen - das Buch wurde mir von einem wohlmeinenden Freund überreicht mit einem großen Grinsen und einem süffisanten "Viel Vergnügen". Nach dem ersten Abschnitt habe ich beschlossen, es als Satire auf historische Romane zu lesen. Hat etwa zehn Seiten funktioniert. Muss ich mehr sagen? Natürlich.

Das Buch ist nicht einfach nur ein schlechter historischer Roman. Davon habe ich schon den ein oder anderen gelesen. Nein, dieses Buch rangiert in meiner persönlichen "Liste der Bücher, die ich bei einem Büchereibrand nicht retten werde" ziemlich weit oben. Woran das liegt, kann ich nur mit Hilfe einiger Spoiler deutlich machen, deshalb also die bei Cody-Bewertungen fast schon obligatorische

SPOILER-WARNUNG!!!!
AB HIER NICHT WEITERLESEN, WENN IHR VORHABT, DAS BUCH NOCH ZU LESEN!!!
 
Okay, ihr seid vorgewarnt. Ich beginne erst einmal mit der oberflächlichen Kritik: Redigierkunst. Ja, Lektorate kosten Geld. Und ja, auch ich mache Rechtschreibfehler, selbst hier auf dem Blog. Aber verdammt, wenn sogar mir Rechtschreibfehler in einem Roman auffallen, will das was heißen. Am meisten genervt haben mich aber die immer gleichen Satzbausteine und Wortwiederholungen, die einfach so gar keinen Genuss haben aufkommen lassen. Sprachlich rangiert das Buch ungefähr auf der Ebene meiner Siebtklässler - aber die kommen nicht auf die Idee, ihre Ergüsse zwischen zwei Buchdeckel binden zu lassen. Aus gutem Grund.
 
Aber gut, ein großer Teil der historischen Romane ist nicht die Königsklasse literarischen Anspruchs, auch wenn es schmerzt kann man darüber hinweglesen. Was mir am Buch so sauer aufgestoßen hat, war vor allem die Tatsache, dass in diesem Buch nichts, aber auch so überhaupt und gar nichts auch nur im Ansatz überraschend war.
 
Die Protagonistin? Wie immer. Leidenschaftlich. Jung. Wunderschön. Mit ihrem eigenen Kopf. Klar, schließlich brauchen wir ja Konflikte, Konflikte, Konflikte. Also halt, stopp. Bitte keine richtigen Konflikte. Sondern einen Konflikt, der sich zusammenfassen lässt mit "Ich find dich so scharf, ja, gib mir Widerworte, das macht mich erst so richtig an". Letztlich ist diese Jezabel, die wir kennenlernen, ein verwöhntes Balg, das vom Leben um sie herum nichts mitkriegt, aber alles besser weiß. Merkt man immer dann, wenn ihre Brust beginnt, unkontrolliert zu beben - vermutlich soll sie das besonders heißblütig wirken lassen. Naja, in erster Linie hat man irgendwann das Bild eines Kleinkinds im Supermarkt vor Augen, das sich gleich auf den Boden schmeißt, weil es kein Überraschungsei bekommen soll. *schnief* 
Herzblatt Jezabel ist also hauptberuflich Augapfel und Parfümeurin. Natürlich so toll, dass sie und Papa die Sultanmutter beliefern dürfen, nein, müssen. Der komplette Harem kann anascheinend dichtmachen ohne Duftlotionen aus dem Hause Jezabel. Das geht aber unglücklicherweise bei der Eroberung Akkons in Flammen auf und dabei werden Mutter und Tochter von den Flammen eingeschlossen. Aber Tochter wird gerettet - von keinem geringeren als Henry, dem heldenhaften Heckenritter. Ähm, Kreuzritter, Verzeihung. Mutti geht dabei übrigens drauf, was allerdings in der Geschichte irgendwie so ein bisschen untergeht - wirklich traurig scheint da niemand zu sein, wozu auch? Stattdessen sind Vati und Tochter jetzt also bei dem guten Richard Löwenherz gefangen, naja, ist jetzt nicht so schlimm da. Aber ach, oh weh!! Der böse Sultan Saladin lässt die tapfere Jezabel in seinen Harem entführen. Dieses Schwein (also der Sultan)! Im folgenden Kapitel versucht die Autorin schwelgerisch den Harem zu beschreiben, aber mehr als so ein bisschen bunte Farben und Haarentfernung kommt dabei einfach nicht raus. Die im Klappentext versprochene Mischung aus "Abenteuer und Leidenschaft mit den sinnlichen Düften des Orients zu einem exotischen Cocktail" vermisse ich hier immer noch. Aber Jezabelchen entkommt - natürlich. Und Henry, der Großartige, weiß auch, wie man die beiden retten kann: er schickt also seine heißgeliebte Trulla (bei der er immer nur an seine tote Schwester denkt, was - gelinde gesagt - schon irgendwann etwas pervers wirkt) mitsamt Papa und Dienerin und Knappen und noch 'nem Kreuzritter quer durchs im Moment umkämpfte Land nach England, damit sie Alienor von Aquitanien mit Duftwässerschen verwöhnen. Ah, schon wieder ein bekannter Name - ob irgendein Kreuzzugs-Roman ohne sie auskommen könnte? Von Henry werden wir - abgesehen von kuhäuigigen Schmachtvorstellungen unserer Heldin - bis zum Ende nichts mehr hören. Aber ach, eine erneut Katastrophe schleicht sich bereits an die schicksalsgeprüfte Heldin, ein schwerer Sturm, bei dem sie schließlich vom Kapitän in einem Boot ausgesetzt werden und ziellos im Mittelmeer treiben. Anscheinend war der Kapitätn aber durch Seekrankheit geschwächt, denn schon einen Tag später wird die nicht ganz so muntere Truppe von Fischern gerettet ... Dann geht es nach Rom, wo Jezabel natürlich wieder mal fast vergewaltigt wird (hach, sie ist einfach so schön, selbst wochenlanges Nichtbaden hilft da nicht), man schließt sich einer Gauklertruppe an, man kommt nach Bozen in ein tolles Schloss, in dem zufällig die gelangweilte Ehefrau eines alten Ritterkumpels des Begleitritters rumhockt. An dieser Stelle hat der Leser, im Gegensatz zu Jezabell-Herzchen, längt gerafft, dass der Begleitritter schwer in sie verknallt ist, aber er gehört wie üblich zur Sorte Mann, die dann *schnief* abweisend und wortkarg wird. Irgendwann geht es dann auch weiter nach Nürnberg. Wie, nicht England? Ja. Aus nicht näher erklärten Gründen ist Papi der Meinung, man müsse unbedingt sich in Nürnberg ansiedeln, weil er da 'nen Kaufmann kennt. Papi stirbt zwar kurz darauf, aber Jezabel geht trotzdem nach Nürnberg, löst eine mittelschwere Krise aus im Hause des Kaufmanns, als sich der Knappe und die verlobte Tochter ineinander verlieben, dann macht ihr noch der Kaufmann 'nen Antrag - und *zack* steht Henry vor der Tür, muss aber gleich wieder weg. Ende der Geschichte. Es gibt anscheinend noch Teil 2 - ich wage zu behaupten, dass ich eins zu eins widergeben kann, was da geschehen wird.
 
Tatsächlich ging mir beim Buch am meisten auf den Keks, dass diese eigentlich doch recht spannende Geschichte dadurch so verschenkt wird, dass von ihr kaum etwas erzählt wird. Was macht historische Romane aus? Dass ich als Leser diese vergangene Zeit atmen kann. Dass ich mit Henry auf dem Schlachtfeld stehe oder Zeuge werde, wie Saladin dem kranken Richard Pfirsiche vorbeibringen lässt. Aber sämtliche historische Ereignisse, aber auch sämtliche auch nur im Ansatz spannende Handlungen, werden von der Autorin einfach nur mal in einigen Sätzen abgehandelt. Acht Sätze für den Fall von Akkon. "Ja, ja, schlimm war das", das ist der vorherrschende Tonfall der Erzählung. Auch alle anderen Konflikte werden nicht etwa zum Spannungsaufbau benutzt, sondern das läuft nach dem Motto "ich drohe - ich mache - du entkommst grade so". Wie spannend wäre es, die Drohung der Bettlerin Gret als Drohung für einige Tage oder Wochen im Hinterkopf zu haben, um die Situation dann eskalieren zu lassen - nein, das schafft die Autorin einfach nicht. Das Buch enthält keine Spannung, keine Abwechslung, sondern eine Aneinanderreihung von im Klischee erstarrten Bildern, die man schon so oft gelesen hat, dass man ihrer überdrüssig geworden ist. Eindimensionale Figuren aus dem Standardrepertoire krönen dieses Erzählwerk und amüsieren dabei noch nicht einmal. Dieses Buch ist einfach nur ein solcher Reinfall, dass ich es nicht einmal empfehlen möchte.


Kommentare:

  1. jedoch knall hart und schade auch, dass die fortsetzung noch nicht erschienen ist.. Staun, du hast ein buch gelesen, dass du nicht magst!

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  2. jedoch knall hart und schade auch, dass die fortsetzung noch nicht erschienen ist.. Staun, du hast ein buch gelesen, dass du nicht magst!

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  3. Deine Verrisse lese ich einfach am liebsten!

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  4. Deine Verrisse lese ich einfach am liebsten!

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