Sonntag, 19. April 2015

[Buchgedanken] Birand Bingül - Der Hodscha und die Piepenkötter

Nurin Hodscha tritt eine neue Stelle an. Frisch aus der Türkei landet er in einer deutschen Kleinstadt und beschließt, sich auch sofort ins Stadtgespräch zu bringen. Also fordert er im Interview mit dem gescheiterten Journalisten Bob Winter eine neue und würdige Moschee für seine Gemeinde. Doch da trifft er nicht nur den Nerb der Gemeinde, sondern insbesondere den der Oberbürgermeisterin. Ursel Piepenkötter ist CDU-gestählt und mindestens ebenso auf ihren eigenen Vorteil bedacht wie der Hodscha - und dreiundvierzig Tage vor der Wiederwahl kann sie sich einen aufmüpfigen Iman, der ausgerechnet heiße Eisen aufs Tapet bringt, nicht leisten. Aber es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn mit einer guten Dosis Populismus und ebenso viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit der muslimischen Gemeinde die Wahl nicht trotzdem zu sichern wäre ...

Birad Bingüls Roman ist sehr viel ein einem. Unterhaltungsliteratur, Provinzposse und Beitrag zur interkulturellen Debatte. Ziemlich vielverlangt von knapp über 300 Seiten, und so ganz schafft er es auch nicht, alles zu erfüllen. Trotzdem habe ich das Buch wahnsinnig gerne gelesen, was einfach an den sehr liebevoll gezeichneten Figuren liegt, die einerseits alle Klischees erfüllen und andererseits so allem widersprechen, was man von ihnen erwartet. Menschlich sind sie halt, der Hodscha und die Piepenkötter, wollen beide nur das Beste für sich und ihre jeweilige Gemeinde und ziehen dabei alle Register. Politisches Tagesgeschäft, will man entsetzt meinen, und schmunzelt dennoch über nächtliche Absprachen in der Piepenkötterschen Gartenlaube. Sehr schnell wird klar, dass Bingül eine ganz ähnliche Kerbe beackert wie schon Italien - Don Camillo und Peppone sind der Urklassiker des Aufeinanderprallens von Realpolitik und Realreligion, nur dass hier noch einiges mehr an Zündsstoff dazukommt. Wie gefährlich ist es tatsächlich für die deutsche Demokratie, wenn Mädchen im Burkini zum Schwimmunterricht gehen? Wie freiwillig ist ein Kopftuch, das man eben trägt, weil die Sozialisierung der Familie ein Kopftuch für normal hält? Und wie stark steht eine Frauenunion tatsächlich hinter der starken Frau an der Spitze, wenn die mal nicht nach ihrer Pfeife tanzt?

Das Faszinierende am Buch ist, dass Bingül gar keine Antworten liefern möchte. Was er entwirft, ist ein Bild davon, dass es "den Islam" genauso wenig gibt wie "die Politik". Hinter allem stehen Menschen, die mehr Schalen haben als eine Durchschnittszwiebel, und es macht durchaus Spaß, ihnen zu folgen. Allerdings, und da ist auch meine Kritik am Buch, bleibt er sehr oberflächlich und vorhersehbar in vielen Dingen, die aneinandergereihten Episoden sind lustig, nach einiger Zeit aber weiß man sehr genau, wohin der Hase schon wieder hoppeln wird. Mit ein paar kleinen Wendungen mehr wäre da vielleicht noch etwas zu machen, um mich als Leser mehr bei der Stange zu halten. Nichtsdestotrotz ist das Buch witzig, regt hier und da zum Nachdenken an und hat zwei liebenswert-verschrobene Hauptcharaktere :-)

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