Samstag, 8. Februar 2014

[Buchgedanken] Erica Fischer - Aimée und Jaguar. Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943

Lilly Wust ist 29 Jahre alt, verheiratet, Mutter von vier Kindern. Sie lebt im Jahr 1941 ein ziemlich alltägliches deutsches Leben. Die Ehe mit ihrem inzwischen einberufenen Mann leidet unter seiner Affäre, sie selbst versucht sich mit diversen Männerbekanntschaften Abwechslung vom Alltag zu holen. Doch dann lernt sie über ihre Haushaltshilfe eine 21-Jährige kennen und ist hin und weg. Felice Schragenheim ist jung, hübsch, nie um ein Wort verlegen und an Lilly mehr als interessiert. Tatsächlich verliebt sich Lilly Hals über Kopf und die beiden Frauen leben zumindest innerhalb der vier Wände der Wust'schen Wohnung ihre Liebe ungehindert aus. Als Felice Lilly schließlich gesteht, dass sie Jüdin und untergetaucht ist, ist es für Lilly keine Frage, dass sie Felice weiterhin unterstützt. Doch im August 1943 wird Felice schließlich verhaftet und nach Theresienstadt und von dort nach Groß-Rosen deportiert, wo sie schließlich stirbt. Erst als Lilly für ihre Unterstützung von Felice und drei anderen Jüdinnen 1984 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird, gesteht sie, dass Felice und sie mehr als Freundinnen waren. Sie selbst haben sich als verheiratet empfunden und planten ein gemeinsames Leben ...

Erica Fischer hat das Buch nach etlichen Interviews mit Elisabeth Wust geschrieben, darüber hinaus auch noch viele andere Überlebende befragt, die Felice und Lilly kannten. Dementsprechend ist das Buch sehr zitatenlastig, immer wieder unterbricht Fischer ihre Schilderungen, um längere Aussagen einzubauen. Das finde ich ganz schön, ist aber gelegentlich ermüdend, wenn z.B. eigentlich Felices Leben und die immer bedrohlichere Situation geschildert werden sollen, bis sie untertaucht, denn die Erzählpassagen muss man da wirklich zum Teil mit der Lupe suchen. Was mir allerdings wirklich nicht gefallen hat, war die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte, dass Erica Fischer mit dem Buch effektiv ihre vorgefertigte Meinung über Elisabeth Wust darstellen wollte. Es ist Geschmackssache, aber ich mag es eigentlich ganz gerne, wenn der Autor seine Interpretation begründet . Und das ist es, was ich ziemlich vermisst habe, denn letztlich geht sie mit Lilly sehr hart ins Gericht und stellt sie als naive und ein wenig habgierige Trulla dar, die gar nicht kapiert, wie die Situation für Felice ist. Jedenfalls sind sämtliche Zitate von anderen über Lilly in genau diese Richtung gelenkt und Lilly selbst kommt kaum zu Wort. Grade das wäre für mich wirklich interessant gewesen, denn wenn Lilly schon so etwas tut wie Hals über Kopf nach Theresienstadt zu fahren, um dort Felice zu suchen, dann wäre doch das erste, was ich mache als Autorin, sie nach ihren Motiven zu fragen. Die werden dann aber quasi nur durch Fremdzitate und Beschreibungen von außen geliefert, wobei deren Objektivität ein wenig sehr ... weiß auch nicht wie ist. Wohlgemerkt, ich will ja nicht, dass Lilly hier als Heldin mit Ariel-weißer Weste dargestellt wird, aber mir ist Fischer einfach zu subjektiv in ihrer Darstellung und zu wenig begründend in ihren Schlussfolgerungen. Ja, das Buch ist gut geschrieben, ist spannend und faszinierend, aber in der Recherchearbeit hätte ich persönlich andere Schwerpunkte gesetzt ...

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