Montag, 3. Februar 2014

[Buchgedanken] Terry Pratchett - Dunkle Halunken

London unter Queen Victoria. Die Straßen sind dreckig, die Nächte dunkel und die Bevölkerung teilt sich auf in eine vermögende Mittelschicht und die breite Masse der Armut. Zu ihr gehört auch Dodger, ein Tosher, der in der Kanalisation sein Glück in Form von verlorenen Münzen und Wertgegenständen sucht. Er ist der König der Tosher, ein Schlitzohr und Windhund, der sich seit Jahren durchschlägt. In diese friedliche Existenz dringt eines Tages eine Frau ein. Ganz versehentlich, denn Dodger wird Zeuge, wie sie aus einer Kutsche zu fliehen versucht. Ganz Gentleman eilt er ihr zur Hilfe und schlägt ihre Kidnapper in die Flucht - ohne zu ahnen, dass er damit ins Zentrum eines Kriminalfalls gerät. Denn die unbekannte Schönheit ist auf der Flucht vor höchsten Kreisen. Gemeinsam mit Charlie Dickens versucht Dodger, sie zu beschützen, bringt dabei ganz zufällig einen mörderischen Friseur in der Fleet Street zur Strecke und muss beweisen, dass ein echter Dodger aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein muss ...

Ich habe dieses Buch gekauft und ins Regal gestellt. Ich habe es im Laufe der letzten Monate immer wieder rausgenommen und wollte es lesen - und habe es wieder zurückgestellt. Über Weihnachten ist das auch meinem Mann aufgefallen und er fragte mich, warum ich nicht einfach endlich mal lesen würde. Und ich konnte nichts anderes sagen als: "Ich habe Angst, dass es mir nicht gefallen wird." War es eine Vorahnung? Vielleicht ja, denn tatsächlich habe ich das Buch jetzt nach drei Wochen durchgearbeitet und - ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde - ich bin enttäuscht.

Das Buch hat alles, was ich mag. Terry Pratchett als Autor und das viktorianische London, das klingt nach einer Kombination, die nur funktionieren kann. Das Buch spielt also zu Abwechslung nicht in der Scheibenwelt, sondern hat reale Bezüge. Und genau hier habe ich mein erstes Problem bekommen. Das ganze Namensgewirr hat eher etwas von name dropping, ohne in einen wirklichen Bezug gesetzt zu werden oder den Leser einen Wissensgewinn zu vermitteln (außer, er liest zuerst das Vorwort, um erklärt zu bekommen, wer diese Leute alle sind). James Mayhew ist da so ein Fall - ich meine, wenn ich das Nachwort richtig interpetiere, dann ist sein Werk über die Lebensbedingungen der Armen in London Pratchetts Inspirationsquelle. Wieso macht man dann nichts aus diesem Mann? Mayhew taucht im Buch auf und darf - bitte entschuldigt meine Wortwahl - doof in der Gegend rumkucken. Warum taucht er denn überhaupt auf? Oder auch Charles Dickens. Es mag eine reizvolle Idee gewesen sein nach dem Motto "höhö, Charles Dickens lernt einen Typen kennen, der Dodger heißt" aber auch Dickens bleibt blass und letztlich bedeutungslos, so wie auch alle anderen authentischen Figuren. Bei keiner verstehe ich ihren tieferen Sinn, alle sind billig-kolportierte Staffage, damit man sich dran erinnert, nicht in der Scheibenwelt zu sein. Diese lauwarme Welt wird dann angereichert mit einer extrem dünnen Story, die so glaubwürdig ist wie eine Kuh bei Olympia. Mich hat sie nicht gefesselt, nicht unterhalten und nicht berührt - denn sie funktioniert einfach nicht. Sie würde sehr gut in einem Schweibenwelt-London funktionieren, aber hier ist der historische Anspruch einfach am Zwischenpfuschen. Die unglaubwürdigen Handlungsstärnge treffen auf wenig überzeugende Milieuschilderungen, die wirken wie mit einem extradicken Textmarker gezogen, in der Hoffnung pointilistische Bilder zu gestalten. Dass die deutsche Übersetzung (ich hoffe in diesem Fall, dass das Original weitaus besser ist) sich so flüssig liest wie die Kinderversion der Encyclopedia Britannica ist dann noch das i-Tüpfelchen. Die Dialoge sind vorn und hinten gestellt, ringen um bemühte Ironie und haben mir beim Lesen sowas von überhaupt keinen Spaß gemacht, dass ich hätte heulen mögen.

Verdammt, ich wollte das Buch gut finden, aber es geht einfach nicht :-(

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen