Montag, 3. Februar 2014

[Buchgedanken] Mechtild Borrmann - Der Geiger

Sascha Grenko ist Mitte 30, als sich sein Leben mit einem Anruf schlagartig verändert. Am anderen Ende der Leitung ist Viktoria, seine Schwester, die er nach dem Unfalltod der Eltern bei einer Odyssee durch Kinderheime und Pflegefamilien irgendwann aus den Augen verloren hat. Doch jetzt meldet sie sich bei ihm und muss ihn unbedingt treffen: es geht um Leben und Tod. Noch bevor er erfährt, was es damit auf sich hat, wird Viktoria von einem Unbekannten erschossen und Alexander ist auf der Flucht vor der Polizei. Dank der Aufzeichnungen seiner Schwester erfährt er ein Familiengeheimnis. Ihr Großvater Ilja war ein bekannter Geiger, der nach offizieller Lesart 1948 in den Westen geflüchtet ist und seine Frau Galina und die Söhne Pawel und Ossip zurückließ. Diese wurden als Angehörige eines Landesverräters nach Sibirien verbannt. Was niemand weiß: tatsächlich wurde Ilja wegen angeblicher Fluchtpläne verhaftet und zu zwanzig Jahren in einem Arbeitslager verurteilt. Seine Stradivari, die er bei der Verhaftung bei sich hatte, ist seitdem verschwunden und Viktoria war ihr auf der Spur. Dabei scheint sie sehr viel höheren Mächten auf die Füße getreten zu sein, als abzusehen war ...

Das Buch war ein Spontankauf, weil es im Klappentext weniger nach einem Krimi klang als es dann tatsächlich zur Hälfte war. Wobei diese Passagen mich eher enttäuscht haben, da ist mir der Zufallsfaktor und die unglaubliche Wendung doch zu stark strapaziert. Was mir an dem Buch aber extrem gefallen hat, waren die parallel erzählten Geschichten von Galina und Ilja, die so ganz anders wirken als die "warte, ich baller mal schnell ein bisschen"-Haupthandlung. In diesen Passagen wird die Autorin zu einer wunderbaren Erzählerin, die mit starken Bildern arbeitet, um das alltägliche Grauen bzw. das alltägliche Elend darzustellen, in dem sich die bisher privilegierte Familie wiederfindet. Für mich war es sehr spannend, mich auf demselben Wissenslevel wie Ilja befinden zu müssen, keine Ahnung zu haben, was passieren könnte und was passiert ist - die Lösung war mir dann zwar durchaus schnell als Verdacht im Kopf, andererseits will man es nicht unbedingt wahrhaben. Mich hat das Buch in diesen Szene stark beeindruckt, deshalb empfehle ich es weiter. Als Krimi ist es doof, aber zum Glück beschränken sich diese Seiten auf etwas mehr als ein Drittel ;-)

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