Sonntag, 24. November 2013

Rebecca Ray - Meine sogenannte Jugend

Dieses Buch habe ich in meiner Teenagerzeit gelesen und die Lieblingsbücher-Challenge war ein guter Einfall, es mal wieder vom Regalbrett zu holen. "Meine sogenannte Jugend" und "Crazy" waren mit 15 oder 16 die beiden Bücher, von denen ich mich irgendwie verstanden gefühlt habe, obwohl ich eignetlich so ganz anders war als die Hauptfiguren der Bücher. Aber auch ich habe mich damals als Außenseiter gefühlt und war in einem permanenten Kreislauf aus "ihr seid alle doof", "niemand versteht mich" und "das will ich auch haben" gefangen. Die vierzehnjährige Ich-Erzählerin in Rebecca Rays Roman beginnt allmählich, aus ihrer Kindheit auszubrechen, allerdings auf eine Art und Weise, die man sich nicht für sich selbst wünscht. Mit 13 begreift sie, dass sie - im Gegensatz zu ihrer Klassenkameradin Holly - das Interesse der Jungen eher dadurch erringen muss, dass sie sich von ihnen begrapschen lässt, als dadurch, dass die sie hübsch finden. Und so wird der Leser dann auch Zeuge von Situationen, in denen Sex immer mehr Mittel zum Zweck wird oder einfach gemacht wird, weil es halt so ist. Romantik, das ist maximal etwas, was jemand wie Dawn äußern darf, aber Dawn ist ja auch verpickelt und wird sowieso keinen Jungen abbekommen. Schon beim ersten Lesen war ich von dieser Abgeklärtheit eher irritiert und verunsichert, mit der diese halben Kinder durchs Leben gehen. Auch zu Hause läuft es für die Hauptfigur nicht mehr rund, ihr Vater - Held ihrer Kindheit - und ihre Mutter streiten sich seit Jahren ständig und so versucht sie, durch eine Beziehung mit einem Endzwanziger diesem Chaos und Alltag zu entkommen. Bis die Situation bei einer Weihnachtsfeier allmählich eskaliert ...

Ich bin so froh, dieses Buch noch einmal gelesen zu haben, denn dieses Mal lag mein Fokus nicht auf dem Mädchen, sondern ich habe allmählich eine andere Figur entdeckt, die es mir als Teenager sehr schwer gemacht hat. Der Vater. Dieser Vater ist auf der einen Seite - und so empfand ich ihn schon als Sechzehnjährige - ein rechthaberischer, arroganter, nervtötender Vollidiot, der stur auf seiner Meinung beharrt und vor allem die Mutter (Hausfrau) gerne mal vorführt und als dumm darstellt. Boah, hab ich mich als Teenager aufgeregt. Jetzt, mit mehr Distanz zu Hormonwallungen und ein wenig mehr Verständnis für andere Positionen, tut er mir andererseits durchaus Leid und ich beginne, seine Handlungen zu verstehen. Er, der immer der Held der Tochter war, der ihr bei Hausaufgaben geholfen und Geschenke gebastelt hat, steht plötzlich alleine da. Das sind so simple Dinge wie die Aussage "ich bin doch jetzt auf der HighSchool, ich finde, ich sollte meine Hausaufgaben alleine erledigen" oder "ich möchte dieses Jahr kein Überraschungsgeschenk zum Geburtstag, sondern eine Stereoanlage", die das bisherige Leben einfach beenden und etwas neues starten möchten. Auch wenn sie ihm gar nicht wehtun will damit, in diesen Situationen versucht er dann, sein "nicht-gebraucht-werden" an jemand anderem abzulassen und das ist, in den allermeisten Fällen, die Mutter. Wie hieß es neulich so schön auf einer meiner Fortbildungen? Neunzig Prozent der Erziehungsprobleme mit Teenangern sind unausgetragene Elternkonflikte, die sich an den Schulnoten der Kinder entzünden - und in etwa das ist es, was ich in diesem Buch wiedergefunden habe. Diese Familie ist kaputt - und dass sich die Tochter schließlich Selbstverletzungen als Ventil sucht, eigentlich nur noch die schimmelige Kirsche obendrauf. "Meine sogenannte Jugend" lebt von realistischen Darstellungen, die schmerzlich genau geschildert werden und mich sogar heute noch bewegen.

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