Sonntag, 30. August 2015

[Buchgedanken] John Boyne - Der freundliche Mr Crippen

Wer schon einmal in London bei Madame Tussauds war und sich in der Chamber of Horrors wiederfand, der hat auch diese Figur gesehen. Einen eher kleinen Mann mit blonden Resthaarsträhnen, die sich an den Kopf schmiegen, einem buschigen Oberlippenbärtchen und großen Brillengläsern, hinter denen sich ein wenig triefende Augen verstecken und ihm den Anblick eines scheuen Kaninchens geben. Und wenn man dann das beigefügte Schild liest, dann läuft einem vielleicht ein Schauder über den Rücken, klingt der Name doch zumindest so ähnlich wie der von Jack the Ripper. Die Rede ist von Hawley Harvey Crippen. Dr. Crippen, wie ihn die meisten kennen. Und wie so oft ist seit seiner Verurteilung 1910 die Geschichte seines Verbrechens so groß angewachsen, dass er heute als einer der bestialischen Mörder überhaupt gilt - dabei hat er eigentlich einfach nur seine Frau vergiftet und die Leiche dann in handlichen Stücken im Keller vergraben. Was den Fall so besonders macht, sind die Umstände seiner Entdeckung - denn Crippen schaffte es zunächst, die Welt inklusive Scotland Yard glauben zu machen, seine Cora wäre auf einer Reise nach Amerika plötzlich verstorben. Dann verhedderte er sich allerdings in den verschiedenen Varianten und einer Alternativerzählung, die Verdachtmomente wurden größer - aber bevor Inspector Dew von Scotland Yard dem freundlichen Dentisten und Homöopathie-Verkäufer Nachfragen stellen konnte, fand man ein leeres Crippen-Haus und im Keller die Leiche Coras. Vermutlich die Leiche Coras, denn der Kopf wurde nie gefunden und es gab vor Gericht erhitze Debatten, ob der leitende Gerichtsmediziner Sir Bernhard Spilsbury sie auch wirklich richtig identifiziert hatte. Crippen selbst wurde an Bord der Montrose, eines Passagierschiffs nach Quebec, gemeinsam mit seiner Geliebten Ethel LeNeve vom Kapitän enttarnt (die Tarnung als "Mr. Robinson und Sohn" war eher mangelhaft), der Scotland Yard per Telegramm verständigte. Dew reiste auf einem schnelleren Schiff nach, nahm Crippen und LeNeve an Bord der Montrose fest und brachte sie zurück nach England. Crippen wurde verurteilt, Ethel freigesprochen - Ende.

All das mag jetzt wie ein gewaltiger Spoiler erscheinen, denn schließlich erzählt John Boyne in diesem Buch genau davon. Dass man aber trotz des Bekanntheitsgrades des Falls (gerade in England) doch unterhalten wird und das Buch geradezu einsaugt, liegt vor allem daran, dass Boyne es verwendet, um ein Bild der Gesellschaft zu zeichnen, die er als Mikrokosmos auf der Montrose versammelt. Die Upperclass-Lady, die alles und jeden bewertet und für die nichts gut genug ist, inklusive überheblicher Tochter. Der distanziert-amüsierte Franzose, das moderne Frauenbild, das in den 1910er Jahren ganz allmählich aufkommt. Dazu kommen auch Coras Freundinnen in England, dem Land der Klassenzugehörigkeit, die sich in ihrer überheblichen Upperclass-Welt gut eingerichtet haben und auf Cora und Crippen letztlich nur herabschauen, sie aber für amüsant genug halten, um Umgang mit ihnen zumindest gelegentlich zuzulassen. Diese ganzen Figuren wirken trotz ihrer Überzeichnung so glaubwürdig und vertraut, dass man fast schauert. Kein Wunder, dass man irgendwann fast schon Mitleid mit Crippen empfindet, so ähnlich wie es auch Dew ergeht. Dass dieser freundliche Mann ein Mörder ist, ist schwer zu glauben, aber man kann es akzeptieren - er ist nur nicht das eiskalte Psychopathenhirn, das man ihm heute zutraut. Oder steckt doch mehr dahinter? Auch hier entwickelt Boyne in Andeutungen und Schilderungen zumindest Zweifel, die mich als Leser dann doch hier und da schaudern lassen.

Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, war die Darstellung des Mordes, die ich für letztlich sehr an den Haaren herbeigezogen halte, das ist wieder einmal Boyles Drang zum Fabulieren. Ohne diese Auflösung, mit ein wenig mehr Fragezeichen versehen, hätte ich das Buch absolut toll gefunden. Aber auch so würde ich sagen: Lest es ruhig mal. Es unterhält hervorragend ;-)

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