Mittwoch, 26. August 2015

[Aktion] #bloggerfürflüchtlinge

"Hast du dich jemals so hilflos gefühlt, dass du um dich schlagen wolltest - und der einzige Grund, der dich gehindert hat, war der, dass es ja doch nichts bringen würde?" Mit diesem Satz begann meine letzte Email an meinen besten Freund. Geschrieben nachts um halb zwei, nachdem ich mich schlaflos im Bett gewälzt habe. Nicht wegen des Jetlags. Sondern weil mir die Nachrichten nicht aus dem Kopf gehen.

Vier Wochen war ich nicht in Deutschland, sondern unterwegs in Kanada und den USA. Vier Wochen lang, in denen meine Facebook timeline dennoch immer verkündete, dass in Deutschland gerade eine Suppe am Überkochen ist, die mir bereits aus der Ferne Übelkeit verursacht hat.

Ja. Ich rede von euch, ihr "für das Volk"-Sprecher. Ihr "man wird ja noch mal sagen"-Dürfer. Ihr "Ich hab ja nichts gegen Ausländer"-Aberer.


Wer glaubt, dass Leute, die Asylbewerberheime anzünden, die Bezeichnung Asylkritiker verdienen - der glaubt auch, dass die Nazis Buchkritiker waren. Ich bin ein Buchkritiker. Aber ich wollte nie ein politischer Blogger sein. Politik, das habe ich studiert. Und das ist mitunter eine schmutzige Angelegenheit, wenn man sich damit näher beschäftigt. Aber wie soll ich unpolitisch bleiben in einer Zeit, in der sich Menschen zusammenrotten und danach brüllen, andere Menschen in den Tod zu schicken? Wie soll ich unpolitisch bleiben, wenn vom Hass Verblendete sich zusammentun und unter der Maske des "besorgten Bürgers" lauthals die Rechte anderer Menschen beschneiden wollen? Wie soll ich still bleiben, wenn ich weinen, schlagen, um mich treten möchte in meiner Hilflosigkeit und der absurden Hoffnung, auch nur einen einzigen von euch merkbefreiten Robotern der Hasses zum Umdenken zu bewegen?

Meine Wut ist Hilflosigkeit geschuldet. Hilflosigkeit, wie sie auch die verspüren müssen, gegen die sich dieser Hass richtet. Menschen, die ihr letztes Geld dafür gegeben haben, unter Umständen aus einem Kriegsgebiet zu fliehen, die ich nicht einmal euch marodierendem Pack wünsche. Nicht nur, weil ich von meinen Eltern gelernt habe, niemandem etwas Böses zu wünschen - sondern weil ich weiß, dass selbst das nichts bei euch auslösen würde. All eure Besorgnis um Kinder, Rentner und die deutsche Kultur - steckt sie euch an den dunkelsten Ort eures Körpers. Denn bis vor kurzem waren euch Kinder, Rentner und die deutsche Kultur noch scheißegal. Aber sobald es auch nur darum geht, jemandem, der alles verloren hat, Dinge zu missgönnen - da reißt ihr das Maul auf. Da lauft ihr vorne mit und wenn ich ganz genau hinhöre, dann höre ich schon wieder die ersten flüsternden Stimmen, die sagen, damals wär es doch gar nicht so schlimm ...

Und kommt mir jetzt nicht mit dem so beliebten "Ich bin doch kein Nazi, aber"-Spruch. In dem Moment, in dem ihr deren Aussagen unterstütz, seid ihr es. Ihr seid vielleicht kein überzeugter Nazi. Aber manche politischen Ideen, die sind wie schwanger sind - ihr könnt es nicht nur ein bisschen sein. Ihr. Seid. Es. Einfach. Ihr seid Mitläufer. Unterstützer. Stillschweigende Mittäter. Und wisst ihr was? Die hatten wir bereits viel zu oft in diesem Land.

Meine Hilflosigkeit ist auch Angst geschuldet. Angst vor dem, was da unter einer Decke der Demokratie schlummert und gerade wieder einmal seine stinkenden Klauen zeigt. Ja. ich habe Angst davor, in einem Land zu leben, in dem eine kleine Gruppe von Bastarden es wagt, diese Demokratie nicht nur mit Füßen zu treten, sondern als Entschuldigung zu nehmen für ihre Taten. Wer anderen Menschen Grundrechte abspricht - der hat sie selbst nicht verdient.

Liebe Leser. Liebe Blogger. Werdet laut. Empört euch. Selbst dann, wenn ihr das Gefühl habt, dass es eh nichts bringt. Werdet nicht zu einer stillen Instanz, die sich in den eigenen vier Wänden empört. Sondern zeigt der Welt, zeigt den Menschen, die in einer Situation der extremen Not zu uns kommen, dass dieser protestierende Pöbelhaufen die Minderheit ist. Und dass wir in unserer Demokratie in der Lage sind, sie in ihre Schranken zu weisen. Nicht mit Gewalt - sondern indem wir vormachen, wie einfach es ist, menschlich zu sein. Durch Hilfe. Durch Spenden. Durch Freundlichkeit. Und indem wir immer und immer wieder aufstehen und laut und deutlich "Nein!" sagen, statt uns von Angst und Hilflosigkeit lähmen zu lassen.

Genaueres zu der Aktion könnt ihr nachlesen bei Karla Paul. Und bei der wunderbaren Heike, dank deren Eintrag ich jetzt auch endlich aus meiner bequemen Sicherheitszone gekommen bin. Und natürlich auf der Website zu der Aktion - die brauchen nicht nur jede Stimme, sondern jede Hilfe. Nicht für sich. Sondern für Menschen.

1 Kommentar:

  1. Guter Beitrag! Auch ich kann nicht schlafen vor Wut und Entsetzen über das, was da in unserem Land geschieht.

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