Donnerstag, 29. August 2013

Alina Bronsky - Scherbenpark

Sascha Naimann ist 17 Jahre alt, hochbegabte Schülerin eines katholischen Elite-Internats. Sascha Naimann ist 17 Jahre alt, als Kind aus Russland nach Deutschland eingewandert und lebt im Scherbenpark, einer Hochhaussiedlung. Zwischen diesen beiden Extremen findet das Leben der echten Sascha Naimann statt. 17 Jahre alt, intelligent und Waise, nachdem ihr Stiefvater die Mutter und deren neuen Freund aus Eifersucht umgebracht hat. Seitdem möchte Sascha vor allem zweierlei: Rache nehmen und raus aus dieser ganzen Scheiße, die sich ihr Leben nennt. Als sie den Journalisten Volker und dessen Sohn Felix kennen lernt, verliebt sie sich gleich in beide und muss erkennen, dass glückliche Menschen nicht automatisch die sind, die das Geld haben ...

"Scherbenpark" war Alina Bronskys Debutroman, bevor sie "Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche" vorlegte, das ich noch einen kleinen Ticken besser finde. Aber bereits "Scherbenpark" lebt von sehr realitätsnahen Personen, die alle auf der Suche nach dem Glück sind. Sascha geht so energisch, wütend, sauer und gezielt durchs Leben, wie niemand sonst. Die anderen Bewohner des Hochhauses sind ihr fremd mit ihren Träumen von Autos und Familie, Saschas Ehrgeiz steht ihr oftmals selbst im Weg. Sie ist ein völlig widersprüchlicher Charakter, ein Teenager auf dem Weg in ein eigenes Leben, der durch sein Leben hart geworden ist und sein Ziel verfolgt. Ich liebe diese Schnoddrigkeit, mit der Sascha ihr Leben schildert und dennoch zur jeder Zeit ihre Gefühle zeigt. Es ist ein großartiger Jugendroman geworden, den Alina Bronsky da geschrieben hat, den ich wirklich empfehlen kann!

Sonntag, 25. August 2013

S. J. Watson - Ich.darf.nicht.schlafen.

Als Christine aufwacht, ist sie völlig verwirrt: was ist das für ein Schlafzimmer? Wer ist dieser Mann neben ihr? Und warum sieht ihr im Spiegel eine völlig fremde Frau entgegen? Der fremde Mann erklärt es. Er ist Ben, Christines Ehemann. Sie hatte vor Jahren einen Unfall und ist in einer Amnesie gefangen, die dazu führt, dass sie im Schlaf alles vergisst, was nach ihrem 20.Lebensjahr geschehen ist. So wie jeden Morgen erklärt ihr Ben alles, so wir jeden Morgen frühstücken sie. Als Ben zur Arbeit aufbricht, klingelt das Telefon. Ein Dr. Nash ist in der Leitung, der sich als Christines Psychiater vorstellt und ihr den Ort verrät, an dem sie ihr Tagebuch versteckt hat. So, wie jeden Morgen. Als Christine das Buch aufschlägt, liest sie gleich in der ersten Seite den Satz "Vertrau Ben nicht." Warum? Das weiß sie nicht ...

"Ich.darf.nicht.schlafen." beginnt mit einer brillanten Idee, anders kann man es nicht ausdrücken. Christines Ungewissheit wird quasi von Sekunde zu Sekunde deutlich spürbarer, sie kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, was wahr ist und was nicht. Sie ist völlig abhängig von Information von außen, die von jedem manipuliert werden können. Ist Ben tatsächlich der liebende Ehemann? Ist Dr. Nash wirklich der treusorgende Psychiater? Und wer ist eigentlich sie? Was ist nach ihrem 20. Lebensjahr mit ihr passiert? Aus diese Zutaten und Fragen mische S.J.Watson einen sehr gelungen Thriller, der allerdings ein Problem hat: gegen Ende läuft sich die Idee ein wenig tot. Sie plätschert aus und die Auflösung ist dann doch fast schon enttäuschend im Vergleich zu dem furiosen Start. Aber nichtsdestoweniger ist das ein großartiges Buch, das fesselt und eine schlaflose Nacht beschert!

Kimberley Wilkens - Der Wind der Erinnerung

Emma ist eine gefeierte Ballettänzerin und lebt in London. Als sich ihr Freund Josh von ihr trennt, gerät Emma in eine schwere Krise und hat einen folgenschweren Unfall: ihr Knie ist so schwer verletzt, dass sie nicht mehr tanzen können wird. Emmas Lebenstraum zerbricht, sie verkriecht sich immer mehr. Bis sie eine Nachricht aus Australien erhält. Ihre verstorbene Großmutter Beattie hat ihr eine alte Schaffarm in Tasmanien hinterlassen. Eigentlich möchte Emma das Haus nur schnell ausräumen und verkaufen, doch dann stößt sie auf eine seltsame Fotografie: ihre Großmutter am Arm eines fremden Mannes und mit einem Kind im Arm, das nicht Emmas Mutter sein kann? Sie macht sich auf die Spur dieses Rätsels und entdeckt die Geschichte ihrer Großmutter, einer jungen Frau, die 1929 ebenfalls ihre bisherige Lebensplanung aufgeben muss und einen Schritt in ein Leben wagt, für das sie alles tun würde ...

Kate Morton hat ganz schön was losgetreten mit ihren Romanen über Familienschicksale. Inzwischen gibt es einen ganzen Markt und nicht jeder ist wirklich gut. Mit "Der Wind der Erinnerung" (übrigens ein grauenvoller Titel, lieber Knaur-Verlag!) liegt jedoch einer vor, der Lust auf mehr macht. Das liegt erstmal allein an der Aufmachung des Covers. Die Orchideen hätte man sich schenken können, aber diese Postkartenoptik ist wirklich gelungen und verspricht viel.

Die Geschichte selbst ist jetzt nicht so überraschend und innovativ, trotzdem ist es spannend zu lesen, was Kimberley Wilkens daraus gemacht hat. Das liegt vor allem an der Figurenzeichnung, insbesondere bei Beattie. Während Emma ein wenig blass bleibt, zwar eine ziemliche Entwicklung durchmacht, ist Beattie von Anfang an eine Figur mit Ecken und Kanten. Ein Mädchen, das völlig verzweifelt beschließt, sich fortan das zu nehmen, was sie braucht, und dabei auch bereit ist, weiter zu gehen, als es Konventionen erlauben würden. Gleichzeitig eben auch eine Romantikerin, die zum Teil ein wenig naiv daran glaubt, dass alles gut werden kann. Ich bin ihr sehr gerne durch das Buch gefolgt und fand ihre Entwicklung auch gerade zum Ende hin sehr logisch nachvollziehbar und realistisch. Alle Päckchen haben ein Gewicht und dadurch eine Auswirkung auf ihren Träger, das fand ich gut dargestellt. Die unvermeidliche Liebesgeschichte in der Gegenwart nimmt zum Glück nicht so viel Platz ein wie gedacht, ist ganz rührend umgesetzt und freute beim Lesen einfach. Insgesamt ist das ein sehr schönes Sommerbuch, das man gut auf dem Balkon lesen kann und ein bisschen abtaucht ;-)

Stuart MacBride - Knochensplitter

Die Polizei in Aberdeen steht unter Dauerbeobachtung der Öffentlichkeit, denn sie ermittelt in einem spektakulären Fall: Allison McGregor und ihre siebenjährige Tochter Jenny sind entführt worden. Die beiden sind Teilnehmer in der Castingshow "Britain's Big Talent" und der Liebling des Publikums. Die Kidnapper wenden sich nur über die Presse und youtube an die Polizei, sie fordern ein Lösegeld, aber nennen keine Summe. Ein Spendenkonto soll gefüllt werden und bei genug Eingang innerhalb von zwei Wochen werden die beiden freigelassen. Als dann die Polizei zwei Zehen erhält, die von Jenny stammen, ist klar, dass die Entführer es bitterernst meinen. DS Logan McRae und seine Kollegen ermitteln gegen die Zeit ...

Ich wusste beim Ausleihen nicht, dass es sich hier um Band 7 einer Serie handelt, wobei ich auch ohne Serienvorwissen ganz gut reingekommen bin. Ein paar Sachen sind mir unklar (kann mir jemand schnell erklären, warum McRae Vegetarier ist? Ich habe da einen Verdacht, will aber nicht die anderen Bände lesen ;-)
Anfangs fand ich es ziemlich cool, wie MacBride den Leser hier einfach ins Geschehen reinhaut und ihm nichts erklärt. Dazu kommt, dass er eher den hard-boiled-Krimi schreibt, die Arbeitsweise ist dreckig und das Vokabular der Ermittler schlimmer als in jeder Hinterhofkneipe. Im Laufe des Buchs hat mich aber genau das zunehmend gelangweilt und ich war irgendwann nicht mehr wirklich bei der Stange. Das find zu dem Zeitpunkt an, als die sich im Kreis drehende Ermittlung durch wörtlich abgetippte Vernehmungen von Sexualstraftätern ergänzt wurde, was absolut nichts mit dem Fall zu tun hatte und für mich eher wie Zeilenschinderei wirkte. Darüber hinaus fing dann nach der Hälfte ein weiterer Handlungsstrang an, bei dem ebenfalls ein Vermisstenfall behandelt wurde, nämlich der des Drogendealers Shuggie und seiner Freundin. Dieser Strang hat nichts mit dem Thriller zu tun und ich wundere mich immer noch, warum er so zwingend notwendig zu sein schien - vom Prinzip her war es nichts weiter als eine weitere Möglichkeit für viel Geschrei, Gefluche und Brutalität. Diese Seiten hätte sich MacBride auch sparen können, oder nein, besser hätte er die Seiten mal gefüllt mit genaueren Ausführungen über das Verschwinden von Alison und Jenny. Denn das wird immer nur so am Rand und nebenbei erwähnt, man hat als Leser keine Ahnung, was eigentlich genau passiert ist und so wirkt auch das Ende ein wenig angepappt und drangeklatscht. Ich hatte wirklich das Gefühl, irgendwas Entscheidendes überlesen zu haben, aber dem war nicht so. Dieses Gefühl will ich bei Thrillern aber nicht haben, und deshalb empfehle ich "Knochensplitter" nur bedingt.

Kurt Palm - Bad Fucking

Bad Fucking hat schon bessere Tage erlebt. Das österreichische Dorf ist zwar idyllisch in den Bergen gelesen, doch wirklich auf der Höhe der Zeit ist der Ort nicht mehr. Was vielleicht schon daran liegt, dass es im gesamten Dorf keinen Handy- und Internetzugang gibt. Oder dass die Gendarmeriestation seit Jahren die längst durchgeführte Polizeireform irgendwie verschlafen hat. Doch hinter der idyllischen Vorderansicht lauern tiefe, dunkle Abgründe: eine Cheerleadertruppe verdreht den alten Herren den Kopf, der Sonderling Vitus Schallmoser liegt tot in seiner Wohnhöhle, der Zahnarzt Dr.Ulrich wird von seiner Putzfrau erpresst und dann verschwindet auch noch die österreichische Innenministerin, die am Höllensee bei Bad Fucking ein Asylantenheim errichten lassen will. Und währenddessen bewegt sich ein Gewittersturm und eine Horde Aale auf Wanderschaft unaufhörlich in Richtung Bad Fucking ...

Kein Alpenkrimi. So kündet bereits das Cover an und ich muss wirklich sagen: behaltet das immer im Hinterkopf. Kurt Palm hat hier eine gnadenlose Persiflage auf den üblichen Regionalkrimi losgelassen, die nur noch angereichert ist mit skurrilen Figuren und bei der die Krimihandlung so sehr in den Hintergrund tritt, dass es keine einzige Lösung gibt. Das Ganze ist garniert mit nicht etwa idyllischen Landschaftsbeschreibungen sondern einer Gossensprache deluxe, expliziten Sexszenen und jeder Menge ekliger Zusatzinformationen, die man nicht haben will. Absurderweise habe ich das Buch dennoch nicht angeekelt zur Seite legen können, sondern immer weiter gelesen. Vielleicht, weil es nur 277 Seiten sind. Oder weil das Buch selbst kurz vor Schluss sein Motto ziemlich genau festlegt: Von wegen "Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss" - das Leben ist eine einzige beschissene Kloake. Und in genau die nimmt Kurz Palm seinen Leser sehr kurzweilig mit. Man braucht einen harten Magen und die Lust, einfach völlig Groteskes zu lesen, dann kann man mit "Bad Fucking" bestimmt jede Menge Spaß haben.

PS: Ich habe so irrsinngi lange nach einem Krimi mit einer Uhr gesucht, jetzt hab ich ihn :-p Die Uhr ist übrigens auf dem Kirchturm, ist auch auf dem Cover im Original nur schwer zu sehen, aber sie ist da!

Samstag, 24. August 2013

Robert Gerwarth - Reinhard Heydrich

Ich glaube, ich habe hier irgendwann mal erzählt von meinem Arbeitskollegen, dem während einer Stadtführung von einem Australier die Frage gestellt wurde "Tell me, who's your favourite Nazi?" Während ich mich spontan für die Schreibtischtäter wie Eichmann entscheiden würde, lautet die Antwort meines Arbeitskollegen: Heydrich. Denn "Rosshaare" ist so ziemlich die bescheuertste und verdienteste Todesursache, die sich bei den gesammelten Nazi-Köpfen finden lässt.

Tatsächlich ist Reinhard Heydrich ein wenig der "vergessene" Nazi, was einfach daran liegt, dass er bereits 1942 an den Folgen eines Attentats (besagte Rosshaare waren die Füllung seines Autositzes und bei dem Attentat in seinen Körper eingedrungen, wo sie letztlich zu einer Blutvergiftung führten) verstarb. Heydrich war Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren sowie der Mann, der 1942 die Wannsee-Konferenz leitete. Robert Gerwarth schreibt über ihn eine durchaus spannend zu lesende Biographie, die wieder einmal ein Vorurteil bestätigt: betrachtet man die führenden Köpfe des Nazi-Regimes, dann ist es fast noch unverständlicher, dass sie sich zwölf Jahre lang an der Macht halten konnten, so dilettantisch und absurd sind sie. Tatsächlich findet sich auch bei Heydrich wieder einmal eine solche Episode: seine Stellung bei Heinrich Himmler erhält er nur dank eines Missverständnisses. Himmler, der einen internen Geheimdienst aufbauen möchte, bekommt den Nachrichtenoffizier Heydrich empfohlen. Dass Heydrich einfach nur eine Ausbildung als Funker hat und von Geheimdiensten keine Ahnung hat - geschenkt. Denn dank seines in der Jugend mit Hilfe von Spionageromanen aufgebauten Fachwissens kann er Himmler dennoch überzeugen. Der hat vermutlich nicht mal Spionageromane gelesen ...

All das, den Weg des musisch ausgebildeten Sohn des Leiters eines Musikkonservatoriums zum Reichsprotektor, schildert der Autor in sehr sachlicher und angenehm zu lesender Weise. Das Buch enthält einige Bilder, wobei hier schon der erste Minuspunkt auftaucht, ich fand sie zum Teil ein wenig wirr angeordnet und nicht immer wesentlich für die Darstellung im Text. Darüber hinaus habe ich jedoch eine andere Problematik mit em Buch und die hat mit der These zu tun, die der Autor am Anfang aufstellt. Gerwarth möchte in seinem Buch zeigen, dass Heydrich nicht einfach nur ein Mitläufer und Karrierist war (wie z.B. Albert Speer), sondern ein überzeugter Antisemit und Nationalsozialist. Bedauerlicherweise gelingt ihm das in der Biographie nur bedingt, denn die konkreten Beweise für seine Behauptungen bleibt er öfter schuldig. Nur zu behaupten "es ist so, weil es so ist", ist meines Erachtens nach ein wenig zu einfach. Dadurch wirkt das Buch gelegentlich etwas oberflächlich, obwohl so viele Quellen angegeben werden. Nicht falsch verstehen, das ist eine sehr interessante Biographie, die aber genau dort, wo der Autor den Hauptaspekt legen will, sehr blass bleibt.

Jodi Picoult - Neunzehn Minuten

In neunzehn Minuten kann viel passieren. Man kann Wäsche waschen oder einen Roman beginnen. Neunzehn Minuten lang dauert auch der Amoklauf von Peter Houghton, der an der High School in Sterling zehn Mitschüler tötet. Neunzehn Minuten, die das Leben seiner Eltern, seiner Mitschüler, der ganzen Stadt für immer verändern. Denn während sie auf den Prozess warten, stellt sich immer mehr die Frage: Warum ist das alles passiert? Klärung bringen könnte Josie Cormier. Sie war in der Grundschule mit Peter befreundet, hat ihn beschätzt vor den seit dem ersten Schultag währenden zunehmenden Mobbingattacken. Aber Josie kann sie an nichts erinnern ...

Ich wollte das Buch schon sehr lange lesen und habe es immer irgendwie vergessen. Im Nachhinein finde ich das schade, denn es ist sehr, sehr spannend, gefühlvoll und leise. Jodi Picoult ist eine tolle Autorin, auch diesmal gelingt es ihr, in ihrem Buch immer nur Grautöne zu verwenden, die die anfänglich schwarz-weiß scheinende Geschichte am Ende so intensiv wirken lassen. Der Leser muss sich selbst überlegen, welche Schlüsse er zieht, welche Position er einnimmt - damit ist er nicht besser gestellt als die Einwohner Sterlings.
Wie auch schon "Beim Leben meiner Schwester" ist das Buch aus unterschiedlichen Erzählperspektiven geschrieben. Da erlebt man Peters Geschichte vom ersten Schultag an mit, die ständigen Hänseleien, die Demütigungen, die dann in einer so ultimativen Demütigung vor der Schule eskalieren, dass man fast schon selbst versucht ist, die kleinen Arschlochkinder zu vertrimmen, die sich hier zum Gönner der High School aufgespielt haben. Man erlebt auch die Geschichte von Peters Eltern, die nicht wissen, wie sie reagieren sollen auf den Amoklauf. Und die von Josie und ihrer Mutter, die Richterin ist und in Peters Fall entscheiden soll. Keine der Figuren wird im Laufe des Buchs eindimensional, stattdessen entwickeln sie immer mehr Facetten, zeigen immer stärker, wie problematisch es eigentlich ist, die Wahrheit zu suchen, wenn sie sich so lange aufgestaut hat. Es war wahnsinnig bewegend, das Buch zu lesen und mir gefiel vor allem das Ende, das - wie bisher bei allen Picoult-Büchern, die ich gelesen habe - nicht direkt von Seite eins an offen vor dem Leser liegt.
Ich reihe das Buch durchaus ein bei "Wir müssen über Kevin reden", beides sind Bücher zum Thema Amoklauf, die ich jederzeit empfehlen würde.

Wolfgang Wippermann - Fundamentalismus. Radikale Strömungen in den Weltreligionen

Was bringt Menschen dazu, im Namen eines Gottes Morde zu begehen? Warum gibt es Menschen, die die Bibel wörtlich auslegen? Und gibt es so etwas wie fundamentalistische Hindi?

Wolfgang Wippermann will in seinem Buch eine Einführung geben in den Begriff des "Fundamentalismus". Er erklärt, was unter dieser Bezeichnung zu verstehen ist und stellt die These auf, dass Fundamentalismus zum Problem wird, sobald er sich mit Politik verbündet. Im Anschluss daran bringt er dann jeweils für jede Weltreligion (innerhalb des Christentums auch für die einzelnen Konfessionen) Beispiele, in denen er seine These untermauern will.

Was mir als erstes beim Lesen aufgefallen ist, war die Tatsache, dass Wippermann die Bezeichnung "fundamentalistisch" fast schon inflationär gebraucht. Oftmals wirkt es mehr wie ein Synonym für "böse" und wirkt in manchen Fällen auch deplaziert. Darüber hinaus fand ich persönlich, dass er sich in seiner These immer wieder widerspricht. So erklärt er, dass die amerikanische Innen- und Außenpolitik sehr fundamentalistisch wäre, dies wäre aber nicht schlimm, denn schließlich wären die USA demokratisch. Spanien wird bei ihm zu einem durchgängig fundamentalistischen Staat, eine These, der ich einfach nicht mehr folgen konnte.  Ich bin insgesamt nicht grade davon erfreut, dass Wippermann als Historiker immer wieder geschichtliche Darstellungen tätigt, ohne sie wirklich in der Zeit und deren Verständnis zu verorten. Dass die Kreuzzüge grausam waren - klar, d'accord. Aber letztlich entstanden sie in einer Zeit, in der ein Bedrohungsgefühl existierte vor dem Islam, der durch das Osmanische Reich immer weiter in christliche Regionen vordrang. Das wird irgendwo unter den Tisch fallen gelassen. Nicht zuletzt bleibt ein Grundproblem des Buches, dass Wippermann sieben Rundumschläge auf 150 Seiten unternimmt. Wenn er differenziert darstellen und damit eine Grundlage für Reflexionen schaffen hätte wollen, dann hätte er seine Beispiele wesentlich kleiner fassen müssen oder das Buch hätte deutlich umfangreicher werden müssen. Mir fehlt an dem Buch ein wenig die wissenschaftliche Tiefe, dann wäre es wirklich ein gutes Sachbuch geworden.

Eveline Hasler - Anna Göldin. Letzte Hexe

Glarus im Jahr 1782. Die beschauliche Kleinstadt ist in heller Aufruhr. Die kleine Tochter des angesehenen Ratsherrn Tschudi liegt seit längerem krank im Bett. Sie spricht wirr im Fieber und spuckt Stecknadeln und Nägel aus. Schon bald steht für die Glarner fest: die Haushälterin Anna Göldi, die vor kurzem aus dem Dienst entlassen wurde, muss das Kind verflucht haben. Göldi wird steckbrieflich gesucht, gefasst und in einem Prozess der Magie beschuldigt. Ihr Schuldspruch basiert auf einem unter Folter erpressten Geständnis - im Jahr 1782 wird in der Schweiz eine der letzten Hexenhinrichtungen Europas durchgeführt. Im Jahr 2007 wurde Anna Göldi als Opfer eines Justizmords rehabilitiert.

So weit zu den harten Fakten, die man während des Lesens des Romans serviert bekommt. Allerdings handelt es sich bei Eveline Haslers Werk nicht um ein Sachbuch, sondern einen im Stil sehr experimentellen Roman, der den Leser streckenweise ganz schön herausfordert. Zum einen liegt es an der altertümlichen Sprache, zum Teil sind Glarner und Zürcher Dialektanklänge spürbar, zum anderen ist es auch der Aufbau der Erzählung. Es ist keine chronologische Lebensgeschichte, die hier erzählt wird, sondern Hasler arbeitet sehr stark mit Rückblenden. Die muss sich der Leser gelegentlich selbst in die richtige Reihenfolge bringen, muss selbst mit rekonstruieren, wer sie war, diese Anna Göldi. Tochter armer Leute, der Vater stirbt früh, Anna wird mit 14 in Dienst geschickt. Sie hat zwar Lesen, aber nicht Schreiben gelernt, ist intelligent oder zumindest bauernschlau und sucht sich Stellen bei reichen Leuten, deren Dienstboten innerhalb der Hierarchien etwas höher stehen als anderswo. Mit einem Dienstherren hat sie ein Verhältnis, ein uneheliches Kind wird geboren und Anna dafür bestraft. Bei den Tschudis versucht sie, einen Neuanfang zu starten.
Was genau geschieht, wie die Erkrankung des Mädchens abläuft, welche Erklärungen es dafür gibt, darüber lässt Hasler den Leser im Unklaren. Ähnlich wie die Zeugen damals steht man nur vor den Schilderungen und muss versuchen, eine Erklärung zu finden, die überzeugt. Dass Anna eigentlich vor allem vor Gericht gestellt wird, weil die Obrigkeiten nicht anders mit dem Fall umgehen zu wissen und einen Schuldigen brauchen, wirkt heute ebenso absurd, wie es damals gewesen sein muss. Sie selbst steht vor einem unlösbaren Dilemma - zugeben, dass sie das Kind verflucht hat, und damit die Hinrichtugn vorantreiben, oder alles abstreiten und als verstockte Giftmischerin hingerichtet werden. Offiziell stirbt Anna als Giftmischerin, die das Gift aber auf magische Weise beigebracht hat - die Nachwehen der Aufklärung, die Rationalität ist theoretisch vorhanden, treten aber hinter den Hexenglauben zurück. Anna Göldi ist letztlich auch ein Lehrstück über die Frage, wie man mit Untergebenen umgeht, die es wagen, sich nicht allem unterzuordnen, und wie schnell man Dinge glaubt, nur weil sie praktisch sind.

Ich fand das Buch wirklich hervorragend, wenn ich auch diesmal extrem langsam lesen musste. Wer sich für Hexenprozesse interessiert und Infos möchte, erfährt hier nicht viel, wird aber zumindest mit einer anrührenden und experimentellen Darstellung belohnt ;-)

Freitag, 23. August 2013

Literatur im Fernsehen - Under the Dome

Ich bereite gerade eben nichtsahnend meine nächsten Blogposts vor und im Hintergrund rauscht Pro7 vorbei. Aus den Augenwinkeln sehe ich eine Vorschau ... eine kleine Stadt im Weitwinkel, man hört Stimmengewirr, die Kamera zoomt immer weiter zurück, man sieht plötzlich eine Schneekugel um die Stadt ... das ist doch wohl nicht????

Eine kurze Internet-Recherche ergab: doch, ist es.


Am 4.Septermber startet am 20:15 Uhr eine Mini-Serie, die auf Stephen Kings Roman "Die Arena" basiert, den ich euch hier schon vorgestellt habe. In fünf Teilen (d.h. jeweils Doppelfolgen) wird die erste Staffel ausgestrahlt, die derzeit noch in den USA läuft. Eine Fortsetzung ist vermutlich geplant, das heißt aber auch, dass es doch einige Änderungen zum Buch gibt. Wie genau die sich auswirken, weiß ich nicht, ich habe nur mal kurz bei youtube ein bisschen in den Trailern und Teasern gestöbert und die wirken doch ziemlich gut. Die Special Effcts sind großartig, insbesondere die Darstellung der Kuppel, allerdings sind mir die Figuren doch zu amerikansich-glatt gebügelt. Barbie sah vor meinem inneren Auge viel fertiger und abgewrackter, vor allem aber auch älter und dicker aus! Aber lassen wir uns überraschen, in zwei Wochen ghet es los ;-)