Sonntag, 21. Juli 2013

Anne C. Voorhoeve - Einundzwanzigster Juli

Berlin, 1944. Fritzi ist vierzehn Jahre alt und eine glühende Verehrerin Hitlers. Ihr Vater ist als Offizier an der Westfront, der Bruder im Krieg gefallen. Und ausgerechnet ihre Mutter, eine geborene von Lautlitz, die nach der Heirat mit einem Bürgerlichen als Schneiderin arbeitet, gehört einem Netzwerk an, das untergetauchten Juden dabei hilft zu fliehen? Fritzi kann es kaum glauben und wir vorsichtshalber zu Tante und Onkel geschickt. Hier, im Stammschloss, wird sie nur noch irritierter – ausgerechnet ihre Großmutter und der Onkel unterhalten sich ganz offen darüber, dass der Krieg beendet werden soll. Und dann, am 20.Juli 1944 bricht Fritzis Welt zusammen. Ein Attentat auf Adolf Hitler – durchgeführt von ihrem eigenen Onkel! Einen Tag später wird die Familie in Sippenhaft genommen und es beginnt eine Odyssee durch Gefängnisse und Konzentrationslager. Nur Tante Lexi, die als Ingenieurin und Testpilotin weiterhin für die Luftwaffe arbeitet, schafft es gelegentlich, die Gefangenen zu besuchen, Briefe zu schmuggeln und die Hoffnung zu nähren, dass irgendwann alles wieder gut sein wird …
Hmmm, was soll ich zu diesem Buch sagen? Was mir gut gefallen hat, war die Tatsache, dass die historischen Umstände des Stauffenberg-Attentats gut im Roman eingearbeitet sind. Die Familie selbst hat die Autorin sehr unterstützt, allerdings darum gebeten, den Namen zu ändern (wohingegen alle anderen historischen Figuren, also z.B. die Ehefrauen der Mitverschwörer gleich heißen). Dadurch entsteht der Luxus, einerseits Historizität in den Roman zu bringen, andererseits aber auch genug literarische Freiheit zu haben, einen Roman zu erzählen. Das zeigt sich ganz gut an den beiden Stammbäumen, die vorne bzw. hinten im Buch abgedruckt sind. Während der eine die reale Familie von Stauffenberg zeigt, zeigt der andere die fiktionalen von Laultitz‘ und man erkennt, welche Änderungen vorgenommen wurden. Effektiv nur eine große, man hat Stauffenberg einen weiteren Onkel spendiert, den Großvater von Fritzi. Das heißt, dass das Buch ansonsten einen tatsächlich ziemlich guten Einblick in die Familie von Stauffenberg vermittelt, insbesondere was Melitta von Stauffenberg (im Roman Tante Lexi) betrifft, denn diese Frau hatte es ziemlich in sich. Trotz einer jüdischen Abstammung gilt sie als „Ehrenarier“, um sie der Luftwaffe zu erhalten und wird auch aus der Haft entlassen, nachdem sie sich verpflichtet, weiterhin ihrer Tätigkeit als Testpilotin nachzugehen. Da sich das Buch auf die Zeit am dem 21.Juli konzentriert, also dem ersten Tag nach dem Attentat, erfährt man weniger etwas über die Motive Stauffenbergs, als vielmehr über die Rolle der Familie.
Was mir am Buch aber dann doch ein wenig auf den Keks gegangen ist, ist diese Überfrachtung mit zusätzlichen Storylines. Fritzi selbst hat – neben der Verarbeitung der Sippenhaft – gleich noch ein zweites Trauma, das sie bewältigen muss und über das der Leser bis zum Ende im Unklaren gelassen wird. Fritzis Mutter als Fluchthelferin wird zwar erwähnt, aber dann nichts weiter draus gemacht. Immer wieder passiert sowas im Roman und das hat mich selbst ein wenig genervt. Für mich zumindest hätte sich Anne C. Voorhoeve da ruhig konzentrieren können auf einen Handlungsstrang und den mitunter ein wenig stärker ausbauen können. Von daher ist das ein durchaus gutes Buch, das man Jugendlichen, die sich für das Stauffenberg-Attentat interessieren, an die Hand geben kann, gleichzeitig aber vielleicht noch ein wenig nachbesprechen oder mit den historischen Fakten in Verbindung bringen müsste. Aber alles in allem gut zu lesen

Freitag, 5. Juli 2013

Edith Nesbit - Die Kinder von Arden


Edred und Elfrida sind die letzten Sprösslinge des verarmten Adelshauses Arden. Ihr Vater ist auf See verschollen und die beiden leben nun im heruntergekommen Stammsitz und haben sich in den Kopf gesetzt, den verschollenen Familienschatz zu finden. Dabei hilft ihnen das Muddeltier, ein maulwurfähnliches Wesen, dass die beiden auf einen Trip in die Arden'sche Vergangenheit schickt. Dabei lernen sie nicht nur die Familiengeschichte, sondern auch, dass es neben Geld noch wichtigere Dinge gibt ...

Ich habe zu meiner Kommunion ein Buch geschenkt bekommen, in dem so Highlights aus Büchern abgedruckt waren, die Lust aufs Weiterlesen machen sollten. Eines dieser Kapitel war eine unglaublich lustige und irgendwie verwirrende Geschichte von zwei Kindern, die sich alte Kleidung anziehen und plötzlich in einem Schloss landen. Das Mädchen zitiert im Garten ein Gedicht "Remember, remember the fifth of november" und deckt damit versehentlich eine Verschwörung auf. Ich habe mich jahrelang an dieses Kapitel erinnert und nie herausgefunden, aus welchem Buch es ist - bis ich dann über "Die Kinder von Arden" gestolpert bin und es dort wiedergefunden habe. Insofern war das Lesen hier auch ein Rückschritt in meine Kindheit ;-)
Edith Nesbit gilt als eine der ersten Autorinnen, die für Kinder fantastische Romane schrieb, und das um 1900. Ganz dem Zeitgeist entsprechend, sind ihre Bücher natürlich auch gleichzeitig erhobene Zeigefinger, die eine moralische Komponente vermitteln sollen. Die kann man bei dem Buch durchaus mittragen und sollte sich davon nicht abschrecken lassen, denn sonst würde man eine durchaus niedliche Geschichte verpassen. Das Mulletier ist ein ekelhaft gemeines, fieses Vieh, wenn es will, es zickt und reagiert über - alles andere als der niedliche Albinotier, das man sich anfangs darunter vorstellt. Die Abenteuer der Arden-Kinder sind spannend und kindgerecht, allerdings sollte man beim Lesen vielleicht kurz erwähnen, was es mit diesem Reim auf sich hat, denn die Gunpowder-Verschwörung ist bei uns doch eher unbekannt. Wobei ich dank der "Schwarzen Sieben" von Enid Blyton zumindest damals auch schon von Guy Fawkes gehört hatte ;-) Das Buch ist wirklich nett, rundum schön zu lesen und macht Lust auf Geschichte, deshalb würde ich es uneingeschränkt weiterempfehlen ;-)

Donnerstag, 4. Juli 2013

Stephanie Meyer - Biss zum Morgengrauen


Heute mache ich es mir ein wenig einfach - während ihr das hier lest, schreibe ich gerade eine Schulaufgabe in meiner fünften Klasse, um genau zu sein Grammatik und Rechtschreibung. Meinen Nachmittag werde ich also damit verbringen, mir interessante Rettungsversuche wie das "Prädikatsobjekt", das man mit "Wo oder wessen?" erfragt, zu Gemüte zu führen. Und deshalb habt ihr heute die erfreuliche Möglichkeit, mich dabei zu beobachten (oder belesen?), wie ich mich zu dem Buch äußere, das mir mehr schlaflose Nächte bereitet hat als alle anderen :-p

Was soll ich zu "Biss zum Morgengrauen" genau sagen? Ich hab ihm echt Chancen gegeben. Zuerst auf Deutsch (Abbruch bei Seite 48), dann auf Englisch (zwanzig Seiten mehr). Dann hab ich den Film angeschaut, erst auf Deutsch, dann auf Englisch. Die einzigen Highlights waren für mich die Vorstellung, wie man vor jedem Dreh den armen Robert Pattison kopfüber in eine Mehltüte gestippt haben muss, und die herrlich subtile "huh, ich bin ein düsterer Engel"-Inszenierung mit dem ausgestopftem Schwan :-D  Aber ich habe es nicht aufgegeben und mir das Buch letzte Weihnachten doch noch einmal vorgeknöpft. Ich habe es bis zum Ende durchgehalten und frage mich immer noch: Warum eigentlich? So ziemlich alle drei Seiten hatte ich akuten Fremdschämalarm, weil Bella so unglaublich, unglaublich peinlicher Teenager ist, oder weil mir das Liebesgeschwafel ein wenig zu viel des Guten war und ich regelmäßig "komm zu Potte" dachte.
Und dann habe ich überlegt, was ich falsch mache. Warum gibt es so viele, denen das Buch gefällt? Es kann nicht daran liegen, dass jeder einen schlechten Geschmack hat, es muss etwas anderes sein ...

Und dann fiel es mir plötzlich auf. Bella ist eine Figur, die - so unglaublich doof ich sie finde - eigentlich der Teenager par excellence ist. Sie bietet so unglaublich viel Identifikationspotential, dass man sich leicht an ihre Stelle versetzen kann. Um genau zu sein, Bella ist in ihrer Unsicherheit, ihrer Ruppigkeit, ihrer Tollpatschigkeit nahezu vollständig wie ich mit 15 Jahren. Nur, dass ich keinen glitzernden Vampir zur Hand hatte (btw, DAS solle definitiv bei sämtlichen Dracula-Filmen übernommen werden :-p) und relativ wenig Freundesauswahl. Ich denke, sehr viele der Teenager-Leser sind einfach in das Buch reingewachsen und haben die restlichen Bände mitgenommen, weil man schon dabei war. "Biss zum Morgengrauen" bietet Sicherheit, wie man sie sich wünscht - Junge und Mädchen kriegen sich immer, egal, wie viele Seiten dazwischen liegen. Diese Ruhe, diese Überschaubarkeit ist es, die mich am Buch eigentlich abschreckt. Ich kann mein Leben ziemlich gut planen, ich muss nicht auch noch davon lesen - aber andererseits, als Teenager hätte ich mich davon sicher behütet und angesprochen gefühlt. So, wie ich bei Enid Blyton regelmäßig Lust auf Dosenfisch und Kondensmilch verspürt habe, obwohl ich beides eigentlich nie runterkriegen würde.

Hmm, gefällt mir das Buch jetzt oder nicht? Ich weiß es nicht ... aber immerhin, ich habe es bis zum Ende gelesen ;-)




Mittwoch, 3. Juli 2013

Philippe Nessmann - Aufbruch ins Ungewisse. Expedition in Amerikas unbekannten Westen

1804 starten Meriwether Lewis und William Clark ihre berühmte Expedition, die als Beginn der Besiedlung des amerikanischen Westens in die Geschichte eingeht. Sacagawea, eine Indianerin vom Stamm der Shoshonen, begleitet die Männer als Übersetzerin und Kundschafterin, denn der Weg führt durchs wilde Land der großen Indianerstämme …
Heute stelle ich zur Abwechslung mal ein Sachbuch für Jugendliche vor, das sich mit Geschichte beschäftigt und eine sehr ungewöhnliche Aufmachung besitzt. "Aufbruch ins Ungewisse" ist Infotainment in Reinkultur, ein Roman über die Expedition von Lewis und Clark und gleichzeitig angereichert mit Sachinformationen und vielen Abbildungen, die den historischen Hintergrund näher beleuchten. Von Philippe Nessmann gibt es eine ganze Reihe von Büchern, die alle berühmte historische Ereignisse thematisieren, die Kinder und Jugendliche interessieren (Apollo 13, die Entdeckung des Grabs Tutanchamuns, und dergleichen mehr). Man merkt auch, dass Philippe Nessmann gut recherchiert hat, historisch ist das Buch fundiert. Aber wieso hat es mich dann doch nicht gepackt? Das liegt tatsächlich am Schreibstil, den ich persönlich in diesem Buch sehr betulich und unspannend finde. Es wird zwar mit wörtlicher Rede gearbeitet und alles, aber insgesamt wirkt es halt doch eher wie ein "ich bring euch jetzt mal was bei"-Buch und das wäre bei mir als Kind schlecht angekommen. Entweder spannender Roman oder Sachbuch, beides zusammen funktioniert hier zumindest nicht so gut. Dennoch ist es mal nett zum Reinschauen, wenn man etwas über diese Expedition erfahren will :-)



Dienstag, 2. Juli 2013

Sherman Alexie - Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers


Arnold Spirit Junior ist dreizehn und bereits in seinem Namen versteckt sich das, was seine größte Lebensherausforderung ist. Arnold Spirit ist Spokane-Indianer, er lebt mit seiner Familie im Reservat und sein Leben erscheint bereits vorgezeichnet. So wie die Mehrheit der Indianer hier wird er eine mäßige Schulausbildung erhalten, einen Job im Reservat annehmen, seine Freizeit mit Alkohol ausfüllen und vermutlich einen frühen Tod sterben, der mit Alkohol in Zusammenhang steht. Doch dann beschließt er, dieses Leben zu ändern. Arnold wechselt die Schule. Und damit fängt ein Leben zwischen zwei Kulturen an, denn plötzlich ist er nicht nur der einzige Indianer und lauter Weißen, sondern konfrontiert mit völlig verschiedenen Lebensweisen und Ideen. Und während die Weißen ihn immer mehr in ihre Mitte aufnehmen, wenden sich die Indianer von dem Verräter ab. Muss sich Arnold jetzt wirklich entscheiden, wozu er gehört?
Ich habe das Buch als Hörbuch gehör und mir direkt danach sofort das Buch gekauft, einfach nur, um es zu besitzen. Alexie verzichtet in seinem Roman auf weitschweifige Erklärungen darüber, warum Reservate errichtet wurden etc., sondern verlässt sich bei Arnolds Tagebuchaufzeichnungen einfach nur auf die Beschreibung des Ist-Zustands. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht über Armut und Alkoholismus, über Gewalt und Perspektivlosigkeit – und auch wenn das jetzt unendlich deprimierend klingt, das Buch ist nichts davon. Das liegt einfach an dem Galgenhumor, mit dem Arnold seine Situation annimmt und versucht, sie zu ändern. Auch im Hörbuch kommt dieser Witz ziemlich gut rüber, denn hier wird knochenrocken gesprochen und Arnolds Wunsch, sich im Notfall nach oben durchzubeißen, kommt gut rüber. Gleichzeitig geht dem Hörbuch jedoch etwas verloren, was das Buch mehr hat. Arnold ist tatsächlich ein Pendler zwischen zwei Welten und in seinen Texten im Tagebuch zeigt er sich in erster Linie als starker Kämpfer. Im Buch selbst hat er aber noch eine andere Seite. Die Trostlosigkeit und die Probleme im Reservat, die im Text nur angesprochen werden, finden in Bildern ihren Ausdruck, in kurzen Comics und dergleichen. Sei es ein gepaltenes Selbst, das Indianer und Weißen gleichzeitig zeigt oder eine Sammlung von Methoden, um über Armut zu täuschen. Die sind auf den ersten Blick witzig, auf den zweiten aber wirklich deprimierend wahr und genau beobachtet. Das fehlt bei einem Hörbuch natürlich, so dass ich einen Blick ins Buch auf jeden Fall empfehle. Insgesamt ist das eine sehr gute coming-of-age-Geschichte über Freundschaft und die Frage, was die eigene Persönlichkeit tatsächlich ausmacht.

Montag, 1. Juli 2013

Myron Levoy - Der gelbe Vogel


New York in den Endjahren des Zweiten Weltkriegs. Der zwölfjährige Alan Silverman lebt in Queens in einem Mietshaus und versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Das ist nicht immer einfach, wenn man der einzige Jude umgeben von Katholiken ist, eine Mutter hat, die den Beschützerinstinkt einer Glucke besitzt, und im Schlagball eher theoretisch als praktisch bewandert ist. Und dann kommen seine Eltern auch noch auf diese bescheuerte Idee mit Naomi Kirschenbaum. Das elfjährige Mädchen ist mit der Mutter aus Frankreich geflohen, wo sie mit ...

Myron Levoy mutet seinen jugendlichen Lesern einiges zu. Ich glaube nicht, dass „Der gelbe Vogel“ ohne weiteres von Zwölfjährigen verstanden werden kann, sondern einiger Erklärungen bedarf. Naomi ist ein schwer traumatisiertes Mädchen, dessen Verhaltensweisen aus der Sicht von Alan ziemlich absurd wirken, im Laufe des Buchs aber durchaus geklärt werden. Die Ausgangsbasis ist schon sehr heftig, ein Zwölfjähriger, der schaffen soll, was Psychiatern bislang nicht gelungen ist. Dass Alan mit Hilfe einer Puppe einen Draht zu Naomi aufbauen kann und nach bestem Wissen und Gewissen versucht mit ihr umzugehen, ist dagegen ungeheuer anrührend. Das Buch handelt von Freundschaft in all ihren Aspekten, von Hilfsbedürftigkeit und Einsamkeit, es ist grausam und schön, aber wie gesagt, ziemlich harter Tobak.

52 Wochen, 52 Buchfragen - Woche 27

Ein Buch, das du immer wieder lesen könntest.

Ich finde es wirklich schade, dass jetzt schon die Hälfte dieser Aktion vorbei ist, denn ich mag diese Fragen sehr gerne. Mit einem lachenden und einem sehr, sehr weinenden Auge stehe ich jetzt vor dem Bücherregal und überlege, welches der Bücher ich tatsächlich vorstellen will und welches nicht, denn ich lese doch einige meiner Besitztümer immer wieder. Spontan hatte ich dann aber doch einen ziemlichen Klassiker in der Hand, den ich tatsächlich schon ich weiß nicht wie oft gelesen habe, nämlich das hier:

Christopher Marlow, Zeitgenosse Shakespeares und größter Konkurrent, Geheimagent im Dienst der Königin - als ich diesen Mann zum ersten Mal entdeckte, was ich fünfzehn Jahre alt und quasi verliebt. Gestolpert bin ich über ihn, weil er bereits vor Goethe zum ersten Mal den Faust-Stoff als Drama aufgearbeitet hat und Goethe damit auch stark beeinflusste. Ich habe das Buch damals spontan bei Weltbild gekauft und es seitdem in jedem meiner Bücherregale stehen gehabt. Es enthält sämtliche sechs Dramen in deutscher Übersetzung und ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von ihnen. Während Shakespeare ein wortgewaltiger Sprachkünstler ist, sind es bei Marlowe eher die Bilder, die er auf der Bühne entstehen lässt, die faszinieren. Ganz klarer Anführer dabei ist natürlich "Das Massaker zu Paris", ein Stück über die Bartholomäusnacht, in dem er nahezu die gesamte Besetzung am Ende des letzten Akts als Leiche auf der Bühne zurücklässt - was für ein Kunstblutspektakel :-p Viel mehr beschäftigt habe ich mich dann aber mit ihm, als ich während meines Deutschstudiums den Äneas-Roman von Heinrich von Veldeke lesen musste, denn auch Marlowe hat den Stoff um Dido und Äneas verarbeitet. Wobei ich seine Dido deutlich aktiver, verzweifelter und konsequent-inkonsequenter finde als alle anderen - diese Frau ist einfach wirklich in einem Liebeswahn, der sie letztlich alles kostet.
Dramen lesen ist vielleicht nicht unbedingt im Sommer zu empfehlen, aber es lohnt sich, mal Marlowe ins Auge zu fassen, der weniger eloquent als Shakespeare scheinen mag, aber nur auf den ersten Blick ;-)

Juli - Der Monat des Jugendbuchs

Im Juli werde ich ein wenig thematischer vorgehen. Der Grund ist ganz lehrerspezifisch - der Notenschluss und Notenkonferenzen stehen an und *zack* plötzlich hat man nochmal doppelt so viel Stress wie in all den Wochen vorher. Und da ich ja fleißig vorrezensiere und eine ordentliche Anzahl an Büchern hier drauf wartet, für euch vorgestellt zu werden, dachte ich mir, dass ich die Gelegenheit ergreife, im Juli einfach mal alle Jugendbücher vorzustellen, die ich so im Laufe der letzten Zeit gelesen und gehört habe. Für die Lehrer finden sich vielleicht der ein oder andere Hinweis auf Lektüremöglichkeiten, für diejenigen, die einfach gerne Jugendbücher lesen, gibt es vielleicht Neues zu entdecken oder Altem wieder zu begegnen. Freut euch drauf :-)

Samstag, 29. Juni 2013

J.M. Calder - Ich töte, was du liebst

Gebt es doch einfach zu, ihr habt darauf gewartet, dass hier mal wieder ein "Cody" auftaucht. Ich habe es nicht darauf angelegt, aber nachdem ich dieses Buch gelesen habe, ist es mir gradezu ein Bedürfnis, eine Rezension mit den Worten zu beginnen:

Was haben Sie gefrühstückt, Mr. Calder?

An dieser Stelle erneut die Warnung: Achtung, diese Rezension enthält gewaltige Spoiler!!!

"Ich töte, was du liebst" beginnt mit einem sehr interessanten Ausgangsgedanken. Alls drei Monate, immer am 22., wird ein Kind entführt. Kurze Zeit später erhalten die Eltern Post mit einem abgetrennten Körperteil ihres Kindes und einer sehr deutlichen Aufforderung an die Mutter: Töte dich selbst, dann wird dein Kind freikommen. Zwei Mütter haben diese Bedingungen erfüllt, eine weitere erhielt wenig später einen Brief, sie habe Glück gehabt. Ihr schwer traumatisierter Sohn wird kurze Zeit später aufgefunden. Die Detectives Solly Glass und *ich kann mich beim besten Willen nicht an seinen Vornamen erinnern* Malone beginnen zu ermitteln und der Leser begleitet sie nun auf ... ja, auf was eigentlich?

Im positiven Sinne könnte man jetzt sagen, das Autorenteam wollte die langsamen Entwicklungen während einer Ermittlung zeigen. Oder, was meine Vermutung ist, ihnen ist nicht wirklich eingefallen, was man nach der interessanten Ausgangslage weiter machen soll - anders ist es mir nicht erklärbar, wie sie allen Ernstes auf so einen Bullshit kommen. Wo soll ich nur anfangen?

Bleiben wir erstmal beim Plot. Einhundert lange Seiten lang passiert effektiv gar nichts. Die Detectives fahren von A nach B und wieder zurück. Und dann, urplötzlich, dank eines LEEREN Päckchens, eingeschlagen in rotes Papier, hat Solly *wo ist meine Glaskugel?* Glass die Erleuchtung: der Psychopath kann nur einer sein! Und er hat es - wie soll es auch anders sein - natürlich auf Solly Glass abgesehen! Mein Gesicht sah an dieser Stelle aus wie eine Mischung aus Munchs "Schrei" und einer Eule. Ich meine, selbst Agatha Christie, die Königin des "wo kommt der denn jetzt her?" hat es in keinem ihrer Bücher gewagt, einen Mörder so aus dem Hut zu zaubern. Jedes anständige Kaninchen würde sich dagegen wehren, so behandelt zu werden! Aber gut, verdauen wir diesen seltsamen Psychopathen, der einen Rachefeldzug gegen einen Detective der indirekt seine Nichten auf dem Gewissen hat, dadurch einleitet, dem Detective völlig unbekannte Familien zu ermorden. Kann ja mal vorkommen. Und vor uns liegen ja immer noch 300 Seiten. Und die sind angefüllt mit ... ihr werdet es nicht erraten, oder? Mit so dermaßen atemberaubend absurden Ideen, dass ich kurzzeitig der Meinung war, das Buch sei vielleicht gar kein Thriller, sondern eine Parodie. Zu meinen Highlights zählt dabei, dass der Täter seine Entführungsopfer dadurch auswählt, dass er *Trommelwirbel* als Frau verkleidet in einem Coffeeshop als Kellnerin arbeitet, die Musikfachhandlung gegenüber beobachtet und dadurch die Namen der Kinder herausfindet, sie ausspioniert und dann drei Tage freinimmt, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Übrigens macht er den besten Kaffee von ganz New York. Die Detectives fahren wieder mal von A nach B, und wenn Solly wieder einen seiner Anfälle von plötzlicher Erleuchtung bekommt, auch mal spontan im Alleingang nach C, aber das darf natürlich nur Solly. Malone hat dafür Sex mit der Computerexpertin Nina, einer so unglaublichen Granate, dass sie allein durch ihre sexuelle Anziehungskraft Firewalls niederknien lässt.

Damit sind wir auch schon bei den so unglaublichen Charakteren des Buchs. Allen voran Solly Glass. Nicht nur, dass der Mann an akuten Anfällen von "Hah, so muss es sein!" leidet, hat er darüber hinaus auch noch ... nein, er trägt keine Päckchen mit sich herum, er schleppt eher einen kompletten Hausstand an psychologischen Problemen mit sich herum. Glass ist eigentlich Psychologe (Wunder über Wunder), und hat nach einer fulminanten Karriere eine falsche Diagnose gestellt, woraufhin ein Psychopath entlassen wurde und noch am selben Abend seine Frau und seine Kinder massakrierte. Übrigen waren das besagte Nichten unseres aktuellen Psychopathen. Außerdem hat Solly letztes Jahr die Liebe seines Lebens erschossen, eine Staatsanwältin. Er wusste natürlich nicht, dass sie es war, sondern hat einen Serienmörder stellen wollen. Der Arme. Solly macht das natürlich mit sich allein aus, überhaupt weiß eigentlich niemand so richtig was über ihn und auch dem Leser wird es bis zum Ende des Buchs so gehen. Bis zur letzten Seite ergeht man sich maximal in Andeutungen über Solly oder er macht irgendwas und ich als Leser denk mir nur "Häh?" (meine Lieblingsszene hier: als Solly sich die Hand in der Autotür einklemmt, mehrfach - warum auch immer). Diese ausgefeilte Figurenzeichnung zieht sich wirklich durch den Roman - Psychopathen erkennt man übrigens am irren Blick, am emotionslosen Starren und daran, dass sie Mäuse töten können.

Wären nicht schon die Figuren flach wie die Nordsee bei Ebbe, würde mich vor allem stören, wie wenig ausgereift die realen Hintergründe sind. In einem Fall, in dem klar ist, dass demnächst eine Selbstmordaufforderung ins Haus flattert an eine in einer emotionalen Extremsituation steckende Frau - was wird die Polizei da tun? Psychologische Beratung ins Haus schicken? Aber nicht doch. Die einzige psychologische Betreuung ist Sollys Vorschlag "Sie könnten ihre Frau zur Beobachtung einweisen lassen" an einen emotional ebenso aufgeworfenen und nebenbei grade der Lüge überführten Mann (wozu lügt der überhaupt? Im Buch spielt das keine Rolle mehr). Perfekt, das ist doch Service. Kombiniert wird das Ganze mit einem Sammelsurium an pseudotiefsinnigen Betrachtungen über Gut und Böse, die so belanglos daherkommen wie ein Kochrezept. Aber wenigstens kann man dazu betroffen nicken und "schlimm, schlimm" murmeln. Aber will ich das vonh einem Buch?

Um die Ausgangsfrage zu beantworten: ich glaube, was die beiden gefrühstückt haben, war ein Clown. Der war allerdings schon leicht verdorben und hat zu Blähungen geführt. Aber muss man die dann zwischen Buchdeckel pressen? Darüber kann man nur philosophieren ...

Freitag, 28. Juni 2013

Ponines Bücher-ABC - G wie Ghostwriter

Als ich vor ein paar Wochen bei meinen Eltern war, wurde mir der dezente Hinweis gegeben, mich endlich mal mit den alten Kisten auf dem Dachboden zu beschäftigen, in denen ich immer noch Bücher einlagere. Ich kann aus dem Schlaf sagen, was da drin ist, das sind nämlich meine gesammelten Enid-Blyton-Bücher, die ich nicht hier untergebracht habe. Enid Blyton war für mich DIE Schriftstellerin meiner frühen Jugend, ich habe mir jede Woche ein Hanni-und-Nanni-Buch gekauft, der Schneider-Verlag hat an meinem Taschengeld verdient wie sonst kein anderer :-p

Je länger ich mich mit Enid Blyton im Lauf der Zeit beschäftigt habe, desto interessanter finde ich es eigentlich, dass diese Frau das Ghostwriting-System vermutlich perfektioniert hat. Ob sie tatsächlich ein Heer von arbeitslosen Schriftstellern dafür engagiert hat, parallel zu ihr an ihren Serien zu schreiben, wird wohl weiterhin ein Gerücht bleiben - aber ich finde ja, dass allein die Idee, den eigenen Namen als Marke zu verkaufen, gradezu genial ist. Auf die Weise dürfen Verlage dann Bücher "im Stil von Enid Blyton" als echte Enid Blytons vertreiben, was in Deutschland zumindest zu der interessante Tatsache geführt hat, dass hier die Dolly-Reihe statt der von Enid Blyton geschriebenen sechs gleich 18 Bände umfasst und mit "Tina und Tini" eine ganze Serie existiert, die nicht mal den Hauch von Enid Blytons Schreibfabrik gespürt hat :-)

Ich komme grade auf das Thema, weil ich mich, wenn ich dann doch mal Zeit habe, durch die BBC schaue und auf YouTube nach diversen BBC-Mini-Serien und Filmen suche. Dabei bin ich - neben einer Miss-Marple-Serie - auch auf "Enid" gestoßen, das zwar auch schon wieder vier Jahre alt ist, aber eine wirklich toller Film mit Helena Bonham Carter über Enid Blyton ist. Der Film konzentriert sich vor allem auf die wahnsinnige Differenz zwischen der Kinderbuchautorin, die ihre Fans liebt, und der Frau, die nicht wirklich in der Lage ist, eine Verbindung zu ihren eigenen Kindern aufzubauen. Sie lebt mehr oder weniger dauerhaft in einer Fantasiewelt und je stressiger es um sie herum wird, desto mehr taucht sie ab. Vielleicht ist auch das der Grund für diese wahnsinnige Produktivität, die sie an den Tag legen konnte.

Kinderbuchautoren sind für mich ehrlich die Autoren, die ich am meisten bewundere, eben weil sie so ungeheuer produktiv schreiben und schreiben müssen, um ihre Leser einigermaßen zufrieden zu stellen und gleichzeitig davon leben zu können. Dass man dabei vielleicht eher weniger literarisch schreibt und sich einiger Gesetzmäßigkeiten bedient, erscheint mir ziemlich logisch. Wobei ich als Kind da auch nichts dagegen hatte, für mich war das ewig Gleiche von Enid Blytons Welten eigentlich sehr beruhigend und eine verlässliche Konstante, an der ich mich erfreuen konnte. Wenn man ehrlich ist, Agatha Christie hat auch immer mal wieder dieselben Varianten gefunden. Apropos, vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen, in dem Christies Ideen zu ihren Romanen analysiert wurden und ihre Notizbücher ausgewertet wurden, in denen sie vor dem Schreiben die Plots strukturiert hat. Wenn das so läuft, ist es eigentlich kein Problem, sein eigener Ghostwriter zu sein und eine solche Geschwindigkeit an den Tag zu legen - ob Enid Blyton das auch heimlich gemacht hat?

PS: Nein, ich habe euch nicht vergessen, aber zur Zeit sind Abschlussprüfungen und ich muss noch einen Stapel Exen korrigieren und habe vergessen, den Artikel zu planen ;-)