Sonntag, 18. Januar 2015

[Buchgedanken] Neil Gaiman - Smoke and Mirrors

Unglaublich, aber wahr, für die "Quer durchs Regal"-Challenge habe ich dieses Buch unmittelbar nach dem Beenden gleich noch einmal gelesen. Es sind Kurzgeschichten, großartige Kurzgeschichten, und ich konnte es eigentlich gar nicht abwarten, noch einmal einzutauchen in diese Welten, die Gaiman da mal eben aus dem Ärmel zu schütteln scheint ...

Spiegel und Rauch, das sind die Grundzutaten eines guten Magiers, um Illusionen aufrecht zu erhalten. Diese Tricks müssen jedoch nicht nur Tricks sein, manchmal versteckt sich hinter dem Rauch auch einfach eine sichtbare Erklärung für wirkliche Magie - ganz sicher kann man sich als Zuschauer nie sein. Und so bewegt sich auch der Leser in den Geschichten und Erzählgedichten von Gaiman auf dem schmalen Pfad zwischen Illusion einer realen Welt und Alternativwelt. Besonders gefällt mir dabei, dass Gaiman in seinem Vorwort für jede einzelne Geschichte erzählt, wie er die Inspiration dazu gefunden hat oder den Entstehungsprozess vor Augen führt. Ich liebe sowas ja (Stephen King macht das auch in den Kurzgeschichten, nicht zu vergessen die großartigen Nachworte von Sebastian Fitzek!) und freue mich immer, dem Autor sozusagen über die Schuler schauen zu dürfen. In "Smoke and Mirrors" lohnt sich das Vorwort allein schon deshalb, weil dort als Easter Egg eine weitere Geschichte versteckt ist, die ich persönlich durch ihre einfache Idee so großartig finde: was, wenn Geschichten unser Schicksal auf sich nähmen? In den offiziellen Geschichten geht es dann richtig zur Sache: Außerirdische, Geister, aber auch das ungewisse Element des Nicht-Wissen - all das reiht Gaiman auf zu einem bunten, sprachgewaltigen Kunstwerk.

Überhaupt die Sprache, die ist es, die ich an Gaiman immer lieben werde (und für dich ich auch bei ihm eine klitzekleine Ausnahme im Bereich "Scientology? Nein danke" mache). Ich kenne keinen anderen Autor, bei dem ich trotz mangelhafter Englischkenntnisse immer und ausschließlich das Original bevorzuge - egal, was er schreibt, es klingt einfach! Lest es und genießt diesen Autor, man kann bei ihm einfach nichts falsch machen :-)

Besides, Chris, I know you read here and don't understand any word, but this is for you: you write like Gaiman - and you know how much I love that language!!

[Buchgedanken] Philipp Pullman - Der goldene Kompass

Die elfjährige Lyra wächst inmitten der altehrwürdigen Universität von Oxford auf, mehr schlecht als recht erzogen von den Professoren, Küchenangestellten und vor allem ihren Freunden. Doch als ihr Onkel Asriel im College für eine Expedition in den hohen Norden werben will, erfährt sie unglaubliche Details. Er geht davon aus, dass sich neben ihrer Welt eine Vielzahl weiterer Welten finden lassen, alle verbunden durch eine unsichtbare Materie namens Staub. Kurz nach seiner Abreise wird Lyra von der erfolgreichen und geheimnisvollen Mrs. Coulter als Assistentin abgeholt, während parallel Kinder verschwinden. Als auch Lyras bester Freund Roger unter diesen Kindern ist, macht sie sich auf den Weg in den Norden ...

"Der goldene Kompass" ist der erste Teil von Pullmans "Dark Materies"-Serie, drei Bände, die sich nicht zuletzt auch durch einen Gegenentwurf auszeichnen zu der sehr christlich orientierten Lektüre der Narnia-Chroniken. Die Kirche, die in Lyras Welt die Wissenschaft kontrolliert und in Einklang mit der Bibel zu bringen versucht, bekommt hier (und vor allem in den Folgemonaten) ebenso ihr Fett weg wie Wissenschaft, die ohne Rücksicht auf Verluste agieren möchte. Für ein Jugendbuch ein ziemlich hoher Subtext, der in diese Geschichte eingebettet ist, und ich glaube, genau darin liegt auch mein Problem, das ich schon beim letzten Lesen mit dem Buch hatte: die Geschichte an sich, die extrem spannend sein könnte, bleibt hinter dieser Auflage an einigen Stellen mehr als schwach.

Vielleicht liegt es auch an der deutschen Übersetzung, aber die Figuren sind für mich eigentlich dauerhaft blass geblieben, während die Erzählung zum Teil an mir vorbeigeschwappt ist und ich sie im wahrsten Sinne des Wortes überlesen habe. Dabei wäre z.B. Mrs. Coulter eine so großartige Figur, wenn man sich die Mühe machen würde, sie wirklich auszubauen und ihre Beweggründe mal darzustellen, statt sie nur zu erzählen, wisst ihr, was ich meine? Ich betrachte die Figuren wie im Film, der Zugang zu ihnen ist verwehrt. Auch Schilderungen finde ich im Buch einfach zu wenig, ich kann mir diese Welt - ein wenig Steampunk, ein wenig Oz, ein wenig Erde - einfach nicht so recht vorstellen, sie bleibt eine Kulisse, hinter die ich gar nicht schauen will. Und das hat mich beim Lesen so richtig geärgert - da erfindet Pullman schon eine Welt, und dann erzählt er so gut wie nichts davon, alle Informationen bekommt man maximal nebenbei serviert. Wie nervig ist das denn?

Nein, ein drittes Mal lesen muss ich das Buch jetzt wirklich nicht, es ist nett, aber wirklich anfreunden werden wir uns nicht mehr.

Mittwoch, 14. Januar 2015

[Buchgedanken] Judith Hermann - Sommerhaus, später

Es hat lange gedauert, bis ich mich an Judith Hermann gewagt habe. in erster Linie, wel ich immer die Angst hatte, dass ihre Bücher mich furchtbar enttäuschen werden, weil sie irgendwie dem pseudo-intellektuellen Zeitgeist der Zweitausender-Wende angehören könnten und sich vor lauter angeblicher Ironie und Prä-Hipster-Kulturan sich selbst ennuieren. Allerdings lag eben auch "Sommerhaus, später" seit zig Jahren in meinem SUB und meine diesjährigen Challenge-Vorsätze gepaart mit akuter Leseunlust haben mich die 186 Seiten dann nach Neujahr anlesen lassen. Ein Flug nach Nürnberg und einer zurück nach Hamburg - und fertig war ich mit dieser Sammlung von Kurzgeschichten, aööe erschienen 1997.

Tja, was halte ich von ihnen? Ja, es sind genau diese Art von Protagonisten, die ich erwartet hatte.Immer irgendwie so latent angelaschte Berliner-Pseudointellektuelle, die sich einen ansaufen oder sich zukiffen oder halt irgendwie anders ihre individuelle Coolness und ihr Leiden an der Normalität der Welt verkaufen möchten. So wie die Clique in der titelgebenden Kurzgeschichte, die vor lauter sich-selbst-finden nicht die Zeit findet, sich tatsächlich mal ihren Freunden zuzuwenden, bis es zu spät ist. Und spätestens da hat es mich gepackt. Spätestens da habe ich beim Lesen eben nicht nur gelangweilte Vertreter der Generation Praktikum vor mir gesehen, sondern letztlich einen Haufen armer Teufel, die sich nichts zu sagen haben und deshalb möglichst viele, möglichst schönklingende Worte verweden, um arüber hinwegzutäuschen, wie leer sie sind. Die als Marionette durch das Leben getrieben werden und alles und jeden für ihr Leiden verantwortlich machen können, denen man aber die Schere vor die Nase halten könnte und sie würden sie trotzdem nicht ergreifen. Und das fand ich ziemlich, ziemlich stark. Also hab ich noch einmal von vorne gelesen und versucht, meine Vorurteile auszublenden und stattdessen das zu genießen, was das Buch ausmact: die Sprache.

Judith Hermann versteht es, den gelangweilten und gleichzeitig überheblichen Tonfall dieser Generation so zu variieren, dass man nicht genervt von den Figuren ist, sondern ihnen trotzdem zuhren möchte. Auch wenn, man selbst es vielleicht ganz anders machen würde, wenn man nahezu jedem mindestens einmal pro Seite entgegenschleudern möchte "Mach es doch einfach!" - man interessiert sich für diese Figuren durchaus. Nicht in jeder Geschichte gleich stark, aber zumindest in jeder zweiten. Und die anderen nimmt man im Vorbeigehen mit, behandelt sie so, wie sie sich selbst behandeln.

Ich fand das Buch toll, es war ein guter Einstieg, der mir wieder Spaß am Lesen gemacht hat :-)

Dienstag, 6. Januar 2015

[Buchgedanken] Rebecca Gablé - Das Haupt der Welt

Bei der Eroberung der Brandenburg durch König Heinrich werden der slawische Fürstensohn Tugomir und seine Schwester Dragomira als Geiseln genommen und an den Hoof der sächsischen Könige verschleppt. Dragomira ergreift ihre Chance, sich als Mätresse für Otto, Heinrichs Zweitgeborenen und potentiellen Nachfolger, zu etablieren und wird schnell von ihm schwanger. Ihr Bruder jedoch ist nicht ganz so schnell per Du mit den verhassten Sachsen. Zwar wird er schon bald als Heiler geschätzt, doch spätestens als er sich in die Tochter seines Erzfindes Gero verliebt, ist klar, dass es für Tugomir hart werden wird. Als Otto 936 die Nachfolge seines Vaters antritt, drohen ihm schon bald abtrünnige Herzöge und Intrigen seiner Mutter und seines jüngeren Bruder die Herrschaft zu kosten. Otto ist auf niemand anderen als Tugomir angewiesen, um seine Herrschaft zu sichern ...

Ich hätte nie, nie, nie gedacht, dass ich ein Buch von Rebecca Gablé mal wirklich nicht an einem Tag sondern erst in einer Woche auslese. Im Gegensatz zur Warringham-Reihe hat mich das hier so gar nicht bei der Stange halten können. Immer wieder habe ich es zur Seite gelegt und mich irgendwelchen anderen Dingen gewidmet. Dabei kann ich gar nicht genau festmachen, woran es liegt - es war einfach so ein seltsames Gefühl der Oberflächlichkeit, das mich beim Lesen gestört hat.

Tugomir bleibt als Hauptfigur trotz allem sehr eindimensional und blass. Gerade seine Freierfüße kommen so plötzlich daher, als wäre der Autorin eher eingefallen, dass man da doch was machen könnte ... Sein Verhältnis zu vielen anderen Figuren ist oberflächlich und auch wenn Gablé seine gedanken miteilt, so richtig schlau werde ich nicht aus ihm. Die restlichen Figuren sind extrem eindimensional gehalten, insbesondere die historisch relevanten. Ottos Herrscherzaudern ist so beliebig in alle Richtungen, man fragt sich, warum sein Vater ihm den Vorrang gegeben hat. Einzig Henning, der rebellische Arschloch-Bruder hat am Ende noch hier und da ein paar Szenen, die ihn eben nicht nur als weinerlichen Idioten darstellen, sondern die Figuren mit so etwas ähnlichem wie Leben anreichern. Das ist mein Hauptkritikpuntk: während man bei den englischen Mittelalterromanen das Gefühl hat, wirklich das Leben zu spüren, ist das hier wie ein Museumsschaukasten, in dem man so ein paar Highlights von Otto zu sehen bekommt. "Ui toll 'ne Krone", denkt man sich und geht auch schon weiter zu den Hands-on-Stationen der Warringhams.

Ich folge Rebecca Gablé bei facebook (und wer das noch nicht tut, sollte es spätestens deshalb, um jeden Montag von ihr mit der "Geschichtszahl der Woche" versorgt und unterhalten zu werden), und jeden Montag freue ich mich auf eine lehrreiche und unglaublich komisch erzählte Anekdote aus der Geschichte. Sie kann erzählen, sie kann Dinge greifbar machen und genauso respektlos wie ehrfürchtig sprechen - aber diesen Otto schafft sie mir einfach nich real erscheinen zu lassen. Schade eigentlich, ich hätte es toll gefunden, auch mal das deutsche Königs- und Kaiserhaus erleben zu dürfen ...

Samstag, 27. Dezember 2014

[Jahresrückblick] Meine Bücher 2014

 
 
Die Statistik in diesem Jahr ist deprimierend für eine Leseratte wie mich. Eigentlich dachte ich, ich würde wie jedes Jahr 100 Bücher spielend schaffen und jetzt? Jetzt hänge ich grade mal bei 93 Bücher rum (ja, zwei fehlen hier in der Bebilderung, die kamen heute auf der Zugfahrt noch dazu). Woran lag das nur?

Mit Sicherheit fordert die Arbeit ihren Tribut - nach Hause kommen und dann nichts mehr tun wollen, nicht einmal lesen, dieses Gefühl hatte ich seit Mai immer öfter. Darunter hat auch der Blog gelitten, ihr wisst gar nicht, wie viele Rezensionen ich euch schuldig bin. Shame on me - ich gelobe Besserung.
Und dann ... ich habe dieses Jahr so wenig gute Bücher gelesen. So wenige gefunden, die ich geradezu verschlungen habe. Eine Ausnahme war - danke, Schwesterchen - die "Ein Lied von Eis und Feuer"-Reihe von George R.R. Martin. Die Bücher 8 bis 10 liegen auch schon für nächstes Jahr bereit hier, eigentlich ein guter Einstieg, wie ich finde. Auch "Die Vermessung der Welt" war ein Highlight, das ich nicht missen möchte. Oder "Zusammen ist man weniger allein", ein so bezaubernd leichter, französicher Roman mit liebenswerten Figuren, dass ich mich völlig verliebt habe. Und dank der Lieblingsbücher-Challenge habe ich das ein oder andere Buch wiederentdeckt, das schon viel zu lange im Regal vor sich hinstaubte. Dementsprechend heißt es auch für 2015, dass ich versuchen möchte, ein Buch pro Monat wiederzuentdecken und neu zu lesen :-)

Richtig ins Klo gegriffen habe ich mit "Lehrerkind", das ich so absolut unlustig fand, dass ich nicht einmal eine Rezension dazu verfasst habe. Obwohl, ich habe mal wieder Lust, zu lachen, also werde ich die vielleicht noch nachreichen ... Alles in allem also ein sehr durchwachsenes, fast schon enttäuschendes Lesejahr. Möge 2015 deutlich besser werden!!

[Challenges] Meine Challenges für 2015

Hach ja, es ist wieder einmal an der Zeit :-)

Ein Jahr neigt sich dem Ende, und nachdem ich die gewählten Challenges in diesem Jahr sträflich vernachlässig habe, möchte ich es im nöchsten Jahr trotzdem wieder versuchen. Und natürlich habe ich direkt so viele spannende Herausforderungen gefunden, dass es schwer wird, sich für ein paar davon zu entscheiden. Aber letzlich habe ich es geschafft.

Zunächst einmal werde ich mich an die "Einmal durchs Regal"-Challenge von Sasijas TARDIS machen. Das Schöne daran ist nämlich: ich kann nahezu alles dafür lesen, so lange das Buch über 200 Seiten hat. Und das bedeutet vor allem auch, meinen SUB weiter abzubauen, ein Ziel, das ich mir für 2014 fest vorgenommen habe. Mal sehen, wie weit ich damit komme ... Die Themen für Januar stehen bereit und ich habe auch schon Ideen, welche Bücher dafür in Frage kommen werden. Die Hauptaufgabe hat es allerdings in sich ... ich hätte mit "Smoke and Mirrors" vielleicht doch noch warten sollen :-p

Um möglichst viel Abwechslung in meinem Regal zu haben, werde ich mich auch an wörterkatzes Weltenbummler-Challenge beteiligen. Auch hier gilt: ich kann und darf alles lesen, je mehr Länder ich dabei aber bereise, desto besser ist das für mich.

Außerdem findet auch kastanies Leseecke die Verstaubte-Bücher-Challenge einen weiteren Teilnehmer. Denn hier sind es zwölf Bücher, die ich lesen muss, einzige Voraussetzung ist es, dass sie vor 2007 erschienen sind. Mein SUB jubiliert noch viel mehr :-)

Ich freue mich ehrlich und hoffe, dass ich dieses Jahr ein wenig mehr schaffe. Späätestens im März werde ich vermutlich ächzen und stöhnen, wenn ich einen Monat in Neuseeland unterwegs bin. Ach ja, falls es jemanden interessiert, für diese Reise habe ich hier einen kleinen Reiseblog angelegt, der aber erst ab März wirklich gefällt werden wird. Aber er freut sich sehr über jeden neuen Leser ;-)




Mittwoch, 19. November 2014

[Buchgedanken] Joachim A. Lang - Heinrich George. Eine Spurensuche

Es gibt Personen, die selbst nach ihrem Tod noch eine Aura umgibt, dass man vor ihnen niederknien möchte. Oder zumindest ihren Namen nur sehr, sehr leise und ehrfürchtig aussprechen möchte. Heinrich George muss ein solcher Fall sein - oder, wie ihn selbst seine Söhne heute noch nennen "George" ist ein solcher Fall.

Heinrich George gehört zu der alten Schauspielgarde der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Als Theatermensch feiert er Triumphe, Goethes Götz von Berlichingen ist seine Paraderolle.Und 1933 steht er wie alle anderen Künstler plötzlich vor der Frage, was zu tun ist: sich it den Nazis arrangieren oder emigrieren? George entscheidet sich für Ersteres, versucht unpolitisch zu bleiben und lässt sich gleichzeitig für Propagandafilme buchen. Spielt den kommunistischen Vater in "Hitlerjunge Quex", hält im Krieg tapfere Durchhalteansprachen, wird hofiert und bleibt gleichzeitig immer dre Polterer, der zuhause Gemälde angeblich entarteter Maler offen aufhängt ...

Das Buch - Nebenprodukt des Films "George", der letztes Jahr in der ARD lief - ist der Versuch einer Annäherung an diesen Menschen. Weniger eine Spurensuche, denn dazu wird zu wenig nachgefragt, sondern vielmehr eine Sammlung von Interviews bzw. Erinnerungen seiner Wegbegleiter. Seien es die zwei Söhne, deren ehrfürchtiges Nichtwissen um den Vater immer wieder durchscheint, seien es Kollegen aus der Zeit des Natioanlsozialismus und Mitgefangen aus dem Lager, in dem George schließlich starb, sie alle geben ihre Eindrücke von ihm wieder und schaffen es, ein irritierendes Bild vieler Facetten zu malen, die George aber dennoch nicht immer greifbar werden lassen. Niemand außer ihm kann beantworten, warum er sich so verhielt, wie er es tat. Mich als Leser hat das Buch mit sehr vielen Fragen zurückelassen, gleichzeitig aber auch mit sehr vielen spannenden Informationen versorgt, die ich so nicht parat hatte. Als Ergänzung sicher nicht übel, als einzige Informationsquelle fehlt mir aber zu viel Autorenarbeit.

Samstag, 15. November 2014

[Buchgedanken] Stephen Rebello - Hitchcock und die Geschichten von Psycho

Diese Kritik muss ich einem Freund widmen, der mich zweieinhalb Monate lang genervt hat, bis ich endgültig die Schnauze voll hatte und das Buch gelesen habe. Vielen Dank, ohne dieses auf-die-Zehen-Treten hätte ich ein geradezu geniales Sachbuch verpasst und nie erfahren, dass man auch Sachbücher verfilmen kann ...

Die Rede ist von einem Klassiker der Filmwissenschaften. Stephen Rebello stellt in diesem Buch die Entstehung des Filmklassikers "Psycho" dar und analysiert dabei sowohl den Entstehungshintergrund als auch das extrem zerbrechliche Geflecht zwischen Alfred Hitchcock und seinen Mitarbeitern. Während der "Meister des Schreckens" filmtechnisch nur Verneigungen ernten kann, war Mitarbeiterführung für ihn eher ein Fremdwort. Quasi diktatorisch herrschte Hitchcock am Set, nahm nur das zur Kenntnis, was für sein Schaffen notwendig war, und ließ die langweiligen Arbeiten lieber von anderen erledigen. Wobei er auch da immer die Eminenz im Hintergrund war, eigenständige Arbeit war nur dann möglich, wenn sie in sein Gesamtkonzept passte. Auch seine Hauptdarstellerinnen wurden von ihm gegängelt und gedrängelt, da er mit Grace Kelly eine Art Gesamtkunstwerk geschaffen hatte, das es dann wagte, ihm durch ihre Hochzeit mit einem dahergelaufenen Monarchen die Pläne zu versauen! Als Hitchcocks Interesse für "Psycho" geweckt wurde, begannen nicht nur intensive Produktionsarbeiten, sondern auch eine sehr spannende Neuerung im Bereich des Kinofilms - das Publikum dazu zu bringen, einen Film von Anfang an zu sehen ...

Das Buch ist chonologisch aufgebaut und folgt den Dreharbeiten von der ersten Drehbuchidee bis zum ausgeklügelten Werbefeldzug und den enttäuschten Oscar-Hoffnungen. Das ist besonders gut für jemanden, der keine Ahnung hat, was eigentlich alles zum Filme-Machen dazugehört - man wird da vermutlich fast erschlagen von Berufen, die man noch nie zuvor gehört hat. Was ich mir hier und da gewünscht hätte, wäre umfangreicheres Bildmaterial gewesen, mit dem man die betreffenden Personen mal gesehen hätte und vor allem auch die Szenen aus "Psycho" noch einmal hätte nachvollziehen können - ich habe mir den Film letztlich tatsächlich auf DVD besorgt, weil es verdammt spannend war, die Szenen zu Rebellos sehr klugen Analysen noch einmal anzuschauen. Das Buch ist interessant, lehrreich, faszinierend und extrem spannend geschrieben - trotz des extrem langweilig klingenden Themas - wer sich auch nur im Ansatz für Filme interessiert, sollte hier mal zugreifen. Oder sich den Film "Hitchcock" ansehen - der ist nämlich das Buch als Film :-p

[Buchgedanken] Markus Heitz - Die Mächte des Feuers

München, 1925. Silena arbeitet wie ihre beiden Brüder für eine Orgaisation der katholischen Kirche, die sich einem einzigen Ziel verschrieben hat: Drachen zu töten. Da Flugdrachen bis in die Gegenwart hinein aktiv sind, haben sich die Nachfahren der Drachenheiligen ihrer Vernichtung verschrieben, wobei jede Familie sich ein wenig spezialisiert hat. Und so ist Silena eine der wenigen Pilotinnen, die es wagt, die Viecher direkt im Luftkampf zu besiegen. Als ihre beiden Brüder getötet werden, bekommt Silena von ganz oben den Befehl, Pause zu machen und dafür zu sorgen, dass ihre Linie nicht ausstirbt - doch sie hat ganz andere Pläne, will sie doch den Tod ihrer Brüder rächen. Was jedoch auch sie nicht ahnt: neben den gewöhnlichen Drachen gibt es die Altvorderen, Drachen, die man nur aus den Mythen und Legenden kennt. Sie sind es, die die Welt beherrschen und die gerade wieder einmal zu einem neuen Krieg rüsten ...

Ich habe das Buch jetzt endlich mal wieder gelesen, da ich nach einer riesigen medimops-Bestellung die Fortsetzung "Drachenkaiser" im Schrank stehen habe und doch nochmal kurz nachvollziehen wollte, was da eigentlich los ist. Wie immer bei Markus Heitz haben wir hier ein hochgradiges Action-Spektakel, bei dem viel Geknalle und Explosionen gepaart mit einem hohen Bodycount auftritt. Das ganze aber so charmant und schnell erzählt, dass man sich dabei vor allem blendend unterhalten fühlt. Das Reizvolle an "Die Mächte des Feuers" ist einfach die Tatsache, dass wir es hier mit einer Art Paralleluniversum zu tun haben, in der Drachen alltägliche Behinderungen des Flugverkehrs sind und noch immer die alten Königreiche existieren, da der Erste Weltkrieg ein wenig anders ausgegangen ist als wir es kennen. Dass nämlich Staatsoberhäupter nichts anderes sind als Spielfiguren in einem Jahrtausende alten Kampf der Urdrachen ist ein spannender Schachzug, aus dem Heitz hier einiger herausholt. Die abgedrehten Ideen und vor allem der Machtkampf der Drachen untereinander sind spannend ausgearbeitet und vor allem der finale Endkampf bietet alles, was das Actionherz benötigt.

Allerdings finde ich dann doch, dass in diesem Buch die sehr eindimensionalen Figuren mehr als offen zutage treten. Mir ging gerade Silenas permanente Tough-heit zunehmend auf den Wecker, die dann in einer extrem klischeehaften Liebesepisode endet. Aber andererseits: diese Drachen sind schon verdammt cool :-)

Dienstag, 14. Oktober 2014

[Hörbuch] "Der Trümmermörder" ( gelesen von Burghart Klaußner)

Hamburg, 1947. In der britischen Besatzungszone versuchen die Menschen mehr schlecht als recht durch den Winter zu kommen. Zu ihnen gehört auch Kommissar Stave, der in diesem klirrenden Winter mit einer Mordserie konfrontiert wird. Alles nimmt seinen Anfang mit einer weiblichen Leiche, die nackt in einem Trümmergrundstück gefunden wird ohne einen einzigen Hinweis auf ihre Identität. Schon bald finden sich dazu die Leichen einer weiteren Frau, eines kleinen Mädchens und eines alten Mannes. Doch was haben die vier gemeinsam? Staves Ermittlungen führen ihn hinein in eine Welt, in der Fälschungen und Lügen für die Menschen aus purer Not zum Alltag geworden sind, in der die letzten vierzehn Jahre noch immer Schatten werfen, in die die niemand eintauchen will, und in der er selbst sich immer wieder die Frage stellen muss, wie viel Wahrheit er herausfinden will ...

Hmmm ... Ich habe dieses Hörbuch vor einiger Zeit schon im CD-Player gehabt und schiebe die Rezension seitdem vor mir her. Ich fand den Fall wirklich nur leidlich spannend, die Auflösung hat sich schon sehr früh zumindest für mich erahnen lassen. Das fand ich besonders schade, denn eigentlich beruft sich Rademacher auf einen realen Fall aus Hamburg im Jahr 1947, der bis heute als ungeklärt gilt, und für mich war die Lösung schon sehr an den Haaren herbeigeschrieben. Garniert wurde das Ganze dann mit sehr vielen Beschreibungen von Elend, Leid und Alltag der unmittelbaren Nachkriegszeit im kältesten Winter 1947 - die an und für sich bestimmt interessant sind, für mich aber auch wahnsinnig langatmig daherkamen. Allein die Beschreibung der Szene, wenn Stave morgens aufsteht, hat mir fast die Lust verdorben, weiterzuhören, weil mich nicht jede kleine Kleinigkeit interessiert. Dass wir dann auch noch in einer Zeit sind, in der Polizeiermittlungen halt nicht per Telefon und Computer, sondern in guter alter Fußarbeit erledigt werden müssen, vergeht auch zwischen zwei Hinweisen, die den Fall mal weiterbringen, eine so unendlich lange Zeitspanne, dass ich abzuschweifen beginne. Und darin lag für mich die größte Schwäche dieses Buches, das so immer weniger Krimi und immer mehr Sittengemälde sein wollte, und dann so viel reingepackt hat, dass ich langsam die Lust auf alles verloren habe. Wenigstens eine der Stories hätte man doch erst in Band zwei oder drei auftauchen lassen können, so hatte ich das Gefühl, das dient in erster Linie dem Seitenfüllen, weil es im Fall so gar nicht weitergeht.

Immerhin war das Hörbuch dank des Sprechers nicht langweilig. Burghart Klaußner spricht Hamburgerisch, radebrecht englischen Akzent, parliert in dezentem Französisch, und schafft für die Figuren individuell erkennbare Sprechweisen, die mich bei der Stange halten. Seine Klangfarbe und dieses Variationenreichtum sind es dann auch, die das Hörbuch für mich wieder zu einem echten Tipp werden lassen, denn so langatmig der Fall auch sein mag, am Ende wollte ich halt doch hören, wie es weitergeht ;-)