Sonntag, 7. August 2016

[Buchgedanken] Hermann Schultz - Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt

Temeo Kirschstein lebt in Afrika und ist der Sohn einer Afrikanerin und eines deutschen Geologen. Als sein Vater auf der Suche nach Edelsteinen in seiner Grube schwer verunglückt, steht die Familie plötzlich vor dem finanziellen Aus. Deshalb wird Tameo von seiner Mutter damit beauftragt, Geld aufzutreiben. Dies ist in Afrika genauso unangenehm wie überall sonst auf der Welt, aber Temeo entwickelt ein unglaubliches Geschick darin, jedem, den er begegnet, sei er Farmer, Fabrikbesitzer, Händler, Pfarrer oder Ordensschwester, einen Betrag aus den Rippen zu leiern ...

Ich habe dieses Buch vor einiger Zeit als Tipp bekommen, um Bücher zu lesen, die in afrikanischen Ländern spielen und auch mal andre Blickwinkel vermitteln. Darüber hinaus war ich eine Zeitlang vor allem stiller Mitleser in einer facebookgruppe über empowernde Kinderliteratur, also Bücher, mit denen vor allem Kinder, die nicht den heterogenen Bilderbuchfamilienhintergrund (Mama, Papa, zwei Kinder und alle weiß) haben, sich identifizieren können. Dazu wollte ich sowieso mal etwas schreiben, merke mir das also mal vor ... Jetzt aber zurück zum Buch.

Ich finde das Buch furchtbar. Punkt, aus, Ende. Natürlich kann ich diese Einschätzung begründen, schließlich handelt es sich hier nich tum irgendein Buch, sondern ein vielfach ausgezeichnnetes Kinderbuch, das sogar in der SZ-Kinderbuchbbliothek mit aufgenommen worden war. Aber wie gesagt, ich hatte von der ersten Seite an gewisse Probleme.
Das erste Problem war schon darin zu sehen, dass ich immer und immer wieder in der Zeit verrutscht bin. Das Buch spielt in der Gegenwart, das ist ziemlich eindeutig zu erkennen an den technischen Gegenständen im Buch. Aber die Darstellung allen voran der Schwarzen ist irgendwie ... so 19.Jahrhundert. Ganz ehrlich, dass Tameos Vater und seine Mutter verheiratet sind, merkt man im ganzen Buch nicht, sie nennt ihn konsequent bei seinem Nachnamen und verhält sich insgesamt eher wie eine Dienstbotin gegenüber dem Herrn als eine gleichrangige Ehefrau. Gut, kann man vielleicht mit kulturellen Unterschieden erklären, wobei die aus verschiedenen afrikanischen Ländern stammenden Frauen, die ich kenne, irgendwie alle nicht so sind. Dieses Verhalten von Mutter und Vater zieht sich auch durch die Beziehung zu den Kindern, auch da ist irgendwie icht wirklich eine Papa-Kind-Beziehung geschildert, wie ich sie mir vorstelle oder sie kenne, sondern es geht mehr um Abhängigkeitsverhältnisse.

Noch mehr gestört hat mich dann aber auch die Darstellung der restlichen schwarzen Bevölkerung als entweder völlig unfähig oder hilfsbedürftig. Hilfsbedürftig natürlich vor allem nach der Unterstützung der klugen Weißen, egal ob im Bereich des Minenbaus oder des alltäglichen Lebens - man merkt es bereits an der Auswahl der Personen, die um Unterstützung gebeten werden, Schwarze werden da konsequent aussortiert, weil die eh nicht weiterhelfen könnten. Hmmmm .... irgendwie überzeugt mich das nicht so richtig. Und dann kam die Szene, bei der ich ehrlich dachte, dass der Autor jetzt grade beim Schreiben einen mittleren Hirnaussetzer . Ein schwarzes Ehepaar fragt "Massa Kirschstein" um Rat bei ihren Eheproblemen - und der bedroht daraufhin die beden mit einer Nlpferdpeitsche und droht ihnen Prügel an, wenn sie nicht seinem Rat folgen! Bitte was??? Sind wir hier doch bei "Onkel Toms Hütte" und ich habe es nicht gemerkt? Mit welchen Recht nochmal kann der Herr sowas machen - und wieso zur Hölle geht das Paar danach friedlich und lachend ab und ist dankbar ob der Güte des Herrn, ihre Probleme gelöst zu haben?

Tut mir Leid, aber spätestens mit dieser Szene war es für mich erledigt, das Buch auch nur im Ansatz guten Gewissens weiterempfehlen zu können. Vermutlich merken wir als durchschnittlicher weißer mitteleuropäischer Leser in vielen Fällen gar nicht mehr, wie klischeelastig viele Kinderbücher tatsächlich sind. Denn klar, selbstverständlich erscheint es uns logischer, dass man die Weißen um Hilfe bittet, die schließlich reich sind und sich um die Bevölkerung sorgen. Aber ist das die Lebensrealität? Und ist es die einzige Realität, die wir hier in unseren Büchern darstellen wollen? Als kindlicher Leser projiziere ich selbstverständlich erst einmal meine eigene Erfahrungswelt in die Bücher, die ich lese. Als Kind war für mich zum Beispiel Maditas Birkenlund ein ziemlich deutsches Wohnhaus - erst als ich in den Filmen ganz andere Häuser sah, wurde mir klar, dass es in anderen Ländern anscheinend andere Hausstile gibt. Und ähnliches ist es, was ich bei empowernden Kinderbüchern als Vorstellung habe, dass sie andere Perspektiven vermitteln und den Horizont des Lesers erweitern. Was könnten jetzt meine potentiellen Kinder aus diesem Buch lernen?
Dass sie froh sein können, nicht in Tansania leben zu müssen, weil man 25 Kilometer zu Fuß gehen muss.
Dass der Vater die Familie ernährt und sein Tod dazu führt, dass der nächste Sohn "Herr im Haus" wird und für Geld sorgen muss.
Dass es okay ist, seine eigenen Vorstellungen mit Gewalt durchzusetzen.

Nee, irgendwie ist es nicht das, was ich möchte ...

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