Donnerstag, 19. November 2015

[Buchgedanken] Nina Sedano - Die Ländersammlerin

Reisen, das ist Nina Sedanos große Leidenschaft. Und nach dem Scheitern ihrer Ehe fasst sie einen Entschluss. Sie spart Geld an, gibt ihren Job auf und bereist alle 193 UN-Staaten ...

Ich hatte dieses Buch vor über einem Jahr gekauft, weil ich mich spontan in das Titelbild verliebt hatte. Es sieht aber auch toll aus, verspricht Luftigkeit und Reiselust und eine angenehme Atmosphäre beim Lesen. Also eigentlich ideal, um diesen Monat eine der Aufgaben zu erfüllen, nämlich das Buch, in das man sich spontan verliebt hat.

Leider hält das Buch dieses Titelbildversprechen mal so gar nicht ein.

Es begann so auf Seite 20, dass ich mich zum ersten Mal fragte, was genau Frau Sedano dazu getrieben hat, ein Buch zu schreiben, wenn sie es letztlich nur mit zwei Dingen anfüllt: mit Lamenti über ihre pösen, pösen Mobber-Kollegen und mit vollkommenen Banalitäten über die bereisten Länder. Allein das Kapitel über Großbritannien, das sie erstmals mit 13 im Schüleraustausch besucht, ist ja wohl ein Witz - der Informationswert beschränkt sich auf "die Engländer essen Toast, der labbrig ist". Na, was für ein Glück, dass Sie darauf hinweisen! Man erfährt so gut wie nichts über die einzelnen Länder, hingegen viel darüber wie nervig sie den deutschen Reisepass findet, sie Tiere so sehr mag, wie sie ihre Visa besorgt, oder wie mutig sie doch ist, da sie in den doch so gefährlichen südamerikanischen Ländern ihre Kamera auspackt und ihrgendwelche Statuen fotografiert, obwohl ja überall die böse Drogenmafia sein könnte. Und zu dem Kontinent Australien fällt ihr EINE Seite ein. Eine einzige Seite, die efektiv völlig emotionslos erzählt wird und in die mal so alles reingequetscht wird. Dabei ist bereits der Einstieg ein Higlight der Literatur.

"Beef or chicken? Hühnchen oder Rind?" Ich entscheide mich für "Hühnchen, bitte"! Der kleinen Sitznachbarin und ihrer Mutter wünsche ich "Guten Appetit!". "Danke, gleichfalls!" kommt es freundlich zurück.

So toll. Ja, der "Chicken or Fish"-Witz kursiert bei meinen Schülern, die mit mir in Neuseeland waren, immer noch, aber das ist ein Insider, den man effektiv kaum versteht, wenn man nicht mal einen Langstreckenflug gemacht hat. Übrigens spielen diese Sitznachbarn keine weitere Rolle, sie dienen nicht einmal dazu, ins Nachdenken und Plaudern zu kommen - es ist einfach nur eine total belanglose Szene, die total belanglos erzählt wird.

Weitere so unglaubliche Reisetipps, mit denen das Buch aufwarten kann, sind "Besorgen Sie sich rechtzeitig ein Visum" und "Achten Sie darauf, dass Ihr Reisepass nicht abläuft". Heidewitzka, jetzt kann ich ja auch Weltreise gehen, ohne diese wertvollen Insiderinformationen wäre ich ja total aufgeschmissen! Am peinlichsten fidne ich ja, dass am Ende eines jeden Kapitels dann nicht einmal fünf kursive Zeilens ind, in denen die Autorin ihre persönlichen Geheimtipps oder ihre Gedanken zum Kapitel äußert ...

Interessantere Informationen über die Finanzierung einer solchen jahrelangen Weltreise, die Möglichkeiten zu Urlaubsammeln, Sabbajahren und dergleichen mehr vermisst man in dem Buch vollständig. Kunststück, wenn manr echerchiert, erfährt man im Internet, dass sie das alles mit Hilfe einer Erbschaft finanziert hat, wäre ja auch mal schön gewesen, das in einem Nebensatz zu erwähnen. Aber mein Gott, ein Buch, in dem die spannedeste Schilderung die ist, wie sie in einer Jugendherberge beinahe in ein Spinnennetz läuft, hat vermutlich andere Prioritäten als dem Leser zu zeigen, wie man beim Reisen glücklich wird.

Diese Banalitäten werden dann verpackt in eine Schreibweise, die selbst meine Fünftklässler besser bewältigen. Da "wurschtelt" man sich halt so durch, "latscht" zum Sightseeing-Objekt, verliert sich in Satzreihen und beschreibt faszinierende Landschaft mit derselben Emotionalität wie einen Zahnarztbesuch ohne Bohren.  Die Kapitel werden mit Überschriften wie "Die Qual der Wahl" spannend angekündigt und enttäuschen spätestens zehn Zeilen später. Frau Sedano hat nämlich hier die Wahl, ob sie über einen Zaun klettert oder unten durchkriecht, um eine Sehenswürdigkeit zu sehen. An dieser Stelle würde ich gerne Hansi Kraus in den pauker-Filmen zitieren: "Man fasst es nicht."

Hat sie eigentlich irgendetwas au fihren Reisen gelernt, wenn sie in Ländern mit Armut oder Gewalt oder Dingen, die wir einfach nicht kennen, konfrontiert wurde? Reflektiert sie auch nur einmal, welche unglaubliche Chance sie hat? Nö. Stempel abholen und zack, weiter im Text. Ich reise so gerne, ich habe mir erhofft, jemanden in dem Buch zu finden, dem es geht wie mir, der Fernweh hat und dieses Fernweh in bessere Worte fassen kann als ich. Aber denkste.

Reisen bildet? Dann sollte Frau Sedano vielleicht noch einmal loslegen. Diesmal mit weniger Gemoser im Gepäck. Dafür aber mit offenen Augen - und mehr mitnehmen als nur einen Stempel im Reisepass.

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