Samstag, 4. Juli 2015

[Buchgedanken] Petra Hammesfahr - Der Puppengräber

Ben ist 22, hat eine Figur wie ein Kleiderschrank, aber das Auffassungsvermögen eines Kleinkindes. Seine Eltern, beide bereits in den Sechzigern, versuchen, mit dem Sohn nach bestem Wissen und Gewissen umzugehen, und vor allem Mutter Trude schützt ihn vor allem Ungemach, das draußen drohen könnte. Doch dann wird das kleine Dorf von einer Vermisstenserie erschüttert. Die Tochter des Apothekers ist die letzte in einer Reihe von jungen Frauen, die spurlos verschwinden. Und im Dorf beginnen Gerüchte zu kursieren - wo hält sich Ben in den Nächten auf, in denen er ziellos durch die Gegend streift? ...

Ich habe das Buch vor ewigen Zeiten schon einmal gelesen und war damals begeistert - und jetzt beim erneuten Lesen bin ich so gar nicht mehr zufriedengestellt. Das Buch ist, das schon einmal vorneweg, kein Krimi im eigentlichen Sinn. Es ist ein Blick in den Mikrokosmos Dorf, in dem jeder mit jedem in Beziehung steht und sich vieles schon so lange ungesagt zwischen den Menschen befindet, dass man es gar nicht mehr in Worte fassen könnte. Das klingt eigentlich ganz gut, ich finde aber, dass die Autorin hier einfach viel zu oft in die Klischeekiste greift und sowas von übertreibt und unrealistisch wird, dass ich gar keine große Lust mehr auf das Buch hatte. Das beginnt damit, dass in diesem Dorf alle so dermaßen hinterwäldlerisch und unaufgeklärt wirken, als hätten wir noch 1950 - das Buch spielt 1996, und ja, auch wen vor allem geistig Behinderte bis heute schief angeschaut werden, dieses Verhalten in Bezug auf Ben ist einfach nur peinlich-übertrieben. Darüber hinaus werden so ziemlich alle Klischeevorstellungen bedient, die man vom Dorfleben nur haben kann, und gepaart ist es zusätzlich mit permanenten Rückblicken, die effektiv keinen großen Sinn haben, sondern nur noch mehr Zeitstränge eröffnen. Das ist zwar nett, um alle, aber auch wirklich alle Personen der Buches zu charakterisieren, aber mal ehrlich: wenn ich einen Krimi lese, dann will ich wissen, wie der Mörder gefasst wird. Und genau diese Zeitlinie ist effektiv immer nur am Rande spürbar.

Wirklich misslungen finde ich die plötzlich wechselnden Erzählperspektiven. Während ich es schon eher problematisch finde, das ganze aus der Sicht einer völlig außenstehenden Polizeikommissarin zu erzählen, die im Buch als Protagonistin erst kurz vor knapp auftaucht, dafür aber permanent ihren Senf mit bedeutungsschweren "hätte, hätte, Fahrradkette"-Sätzen beisteuert, finde ich es geradezu absurd, dann plötzlich in den Kopf von anderen Protagonisten zu springen - völlig zusammenhanglos sieht man plötzlich Bens Perspektive, wobei es Hammesfahr nicht gelingt, seine speziellen Gedankengänge einzubeziehen, sondern sich auch hier in Klischees ertränkt. Für mich waren diese 400 Seiten ein endlos gezogener Käse, ich kenne von Hammesfahr deutlich bessere Bücher.

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