Sonntag, 20. April 2014

[Buchgedanken] Marina Lewycka - Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch

In Nadias Familie ist nichts mehr in Ordnung. Sie und ihre ältere Schwester Vera haben seit dem Tod der Mutter kein Wort mehr miteinander gesprochen, weil sie sich gegenseitig um ihr Erbe betrogen sehen. Und dann ruft eines Tages ihr Vater an und erklärt, heiraten zu wollen. Die Auserwählte, Valentina, stammt wie er aus der Ukraine, aber damit enden die Gemeinsamkeiten. Mit 36 Jahren ist sie nicht einmal halb so alt wie er, ihr Sohn aus erster Ehe scheint ein musikalisches und mathematisches Wunderkind zu sein, und als dann auch noch angedeutet wird, dass der Vater bei nachlassender Zahlungsfähigkeit immer hefitger werdenden Misshandlungen ausgesetzt ist, ist die Geduld am Ende. Für Nadia und Vera steht schnell fest: die Schnepfe muss weg. Und so nähern sich die Schwestern im Angesicht der gemeinsamen Feindin an und rollen auch einen Teil ihrer Familiengeschichte mit auf ...

Ich war anfangs doch ziemlich irritiert von diesem Buch. Ich hatte eigentlich eine doch eher vergnügliche, bitterkomische Geschichte erwartet, und bekam dann etwas serviert, in dem die bitteren Szenen so deutlich formuliert sind, dass sie sehr viel überschatten. Anfangs war ich wenig angetan von der Figurenzeichnung, vor allem Valentina, die neue Stiefmutter, hat eigentlich keine Chancen, sympathisch zu werden. Sie ist gierig, grausam und zeigt das mit jeder einzelnen Äußerung. Auch Nadia und Vera sind alles andere als nette Gestalten, denen das Wohl des Vaters am Herzen liegt. Der Vater wirkt geradezu grotesk und überzeichnet in seinem Hormonrausch. Ich war kurzzeitig mal versucht, das Buch wegzulegen, weil es mir so doof vorkam - bis ich dann schließlich gemerkt habe, dass zwischen den Zeilen sehr viel mehr drinsteckt.

Vor allem die Darstellung der von Stalin verordneten Hungersnot, mit der die Ukraine gebrochen werden soll, geht zum Teil an die Nieren. Diese Geschichten sind es dann auch, die eine Erklärung bieten, warum sich die Familienmitglieder so verhalten und entwickelt haben, die dem Leser vor Augen führen, wie sehr die Lebensumstände den eigenen Charakter prägen können. Auch Valentina wirkt unter diesem Aspekt viel weniger eindimensional, letztlich fordert sie nichts anderes ein als das, was nach dem Zusammenbruch des Ostblocks vom Westen versprochen worden ist. In ihrer Wunschvorstellung ist sie jetzt an der Reihe, zu empfangen und zu fordern, und Nadias Vater spielt dieses Spiel nur allzu begeistert mit in seiner Rettungsmission für unterprivilegierte Landmänner.

Ich würde schon sagen, dass ich es euch empfehle, aber ich halte es nicht für das stärkste Buch von Marina Lewycka.  

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