Samstag, 27. Dezember 2014

[Jahresrückblick] Meine Bücher 2014

 
 
Die Statistik in diesem Jahr ist deprimierend für eine Leseratte wie mich. Eigentlich dachte ich, ich würde wie jedes Jahr 100 Bücher spielend schaffen und jetzt? Jetzt hänge ich grade mal bei 93 Bücher rum (ja, zwei fehlen hier in der Bebilderung, die kamen heute auf der Zugfahrt noch dazu). Woran lag das nur?

Mit Sicherheit fordert die Arbeit ihren Tribut - nach Hause kommen und dann nichts mehr tun wollen, nicht einmal lesen, dieses Gefühl hatte ich seit Mai immer öfter. Darunter hat auch der Blog gelitten, ihr wisst gar nicht, wie viele Rezensionen ich euch schuldig bin. Shame on me - ich gelobe Besserung.
Und dann ... ich habe dieses Jahr so wenig gute Bücher gelesen. So wenige gefunden, die ich geradezu verschlungen habe. Eine Ausnahme war - danke, Schwesterchen - die "Ein Lied von Eis und Feuer"-Reihe von George R.R. Martin. Die Bücher 8 bis 10 liegen auch schon für nächstes Jahr bereit hier, eigentlich ein guter Einstieg, wie ich finde. Auch "Die Vermessung der Welt" war ein Highlight, das ich nicht missen möchte. Oder "Zusammen ist man weniger allein", ein so bezaubernd leichter, französicher Roman mit liebenswerten Figuren, dass ich mich völlig verliebt habe. Und dank der Lieblingsbücher-Challenge habe ich das ein oder andere Buch wiederentdeckt, das schon viel zu lange im Regal vor sich hinstaubte. Dementsprechend heißt es auch für 2015, dass ich versuchen möchte, ein Buch pro Monat wiederzuentdecken und neu zu lesen :-)

Richtig ins Klo gegriffen habe ich mit "Lehrerkind", das ich so absolut unlustig fand, dass ich nicht einmal eine Rezension dazu verfasst habe. Obwohl, ich habe mal wieder Lust, zu lachen, also werde ich die vielleicht noch nachreichen ... Alles in allem also ein sehr durchwachsenes, fast schon enttäuschendes Lesejahr. Möge 2015 deutlich besser werden!!

[Challenges] Meine Challenges für 2015

Hach ja, es ist wieder einmal an der Zeit :-)

Ein Jahr neigt sich dem Ende, und nachdem ich die gewählten Challenges in diesem Jahr sträflich vernachlässig habe, möchte ich es im nöchsten Jahr trotzdem wieder versuchen. Und natürlich habe ich direkt so viele spannende Herausforderungen gefunden, dass es schwer wird, sich für ein paar davon zu entscheiden. Aber letzlich habe ich es geschafft.

Zunächst einmal werde ich mich an die "Einmal durchs Regal"-Challenge von Sasijas TARDIS machen. Das Schöne daran ist nämlich: ich kann nahezu alles dafür lesen, so lange das Buch über 200 Seiten hat. Und das bedeutet vor allem auch, meinen SUB weiter abzubauen, ein Ziel, das ich mir für 2014 fest vorgenommen habe. Mal sehen, wie weit ich damit komme ... Die Themen für Januar stehen bereit und ich habe auch schon Ideen, welche Bücher dafür in Frage kommen werden. Die Hauptaufgabe hat es allerdings in sich ... ich hätte mit "Smoke and Mirrors" vielleicht doch noch warten sollen :-p

Um möglichst viel Abwechslung in meinem Regal zu haben, werde ich mich auch an wörterkatzes Weltenbummler-Challenge beteiligen. Auch hier gilt: ich kann und darf alles lesen, je mehr Länder ich dabei aber bereise, desto besser ist das für mich.

Außerdem findet auch kastanies Leseecke die Verstaubte-Bücher-Challenge einen weiteren Teilnehmer. Denn hier sind es zwölf Bücher, die ich lesen muss, einzige Voraussetzung ist es, dass sie vor 2007 erschienen sind. Mein SUB jubiliert noch viel mehr :-)

Ich freue mich ehrlich und hoffe, dass ich dieses Jahr ein wenig mehr schaffe. Späätestens im März werde ich vermutlich ächzen und stöhnen, wenn ich einen Monat in Neuseeland unterwegs bin. Ach ja, falls es jemanden interessiert, für diese Reise habe ich hier einen kleinen Reiseblog angelegt, der aber erst ab März wirklich gefällt werden wird. Aber er freut sich sehr über jeden neuen Leser ;-)




Mittwoch, 19. November 2014

[Buchgedanken] Joachim A. Lang - Heinrich George. Eine Spurensuche

Es gibt Personen, die selbst nach ihrem Tod noch eine Aura umgibt, dass man vor ihnen niederknien möchte. Oder zumindest ihren Namen nur sehr, sehr leise und ehrfürchtig aussprechen möchte. Heinrich George muss ein solcher Fall sein - oder, wie ihn selbst seine Söhne heute noch nennen "George" ist ein solcher Fall.

Heinrich George gehört zu der alten Schauspielgarde der Zwanziger und Dreißiger Jahre. Als Theatermensch feiert er Triumphe, Goethes Götz von Berlichingen ist seine Paraderolle.Und 1933 steht er wie alle anderen Künstler plötzlich vor der Frage, was zu tun ist: sich it den Nazis arrangieren oder emigrieren? George entscheidet sich für Ersteres, versucht unpolitisch zu bleiben und lässt sich gleichzeitig für Propagandafilme buchen. Spielt den kommunistischen Vater in "Hitlerjunge Quex", hält im Krieg tapfere Durchhalteansprachen, wird hofiert und bleibt gleichzeitig immer dre Polterer, der zuhause Gemälde angeblich entarteter Maler offen aufhängt ...

Das Buch - Nebenprodukt des Films "George", der letztes Jahr in der ARD lief - ist der Versuch einer Annäherung an diesen Menschen. Weniger eine Spurensuche, denn dazu wird zu wenig nachgefragt, sondern vielmehr eine Sammlung von Interviews bzw. Erinnerungen seiner Wegbegleiter. Seien es die zwei Söhne, deren ehrfürchtiges Nichtwissen um den Vater immer wieder durchscheint, seien es Kollegen aus der Zeit des Natioanlsozialismus und Mitgefangen aus dem Lager, in dem George schließlich starb, sie alle geben ihre Eindrücke von ihm wieder und schaffen es, ein irritierendes Bild vieler Facetten zu malen, die George aber dennoch nicht immer greifbar werden lassen. Niemand außer ihm kann beantworten, warum er sich so verhielt, wie er es tat. Mich als Leser hat das Buch mit sehr vielen Fragen zurückelassen, gleichzeitig aber auch mit sehr vielen spannenden Informationen versorgt, die ich so nicht parat hatte. Als Ergänzung sicher nicht übel, als einzige Informationsquelle fehlt mir aber zu viel Autorenarbeit.

Samstag, 15. November 2014

[Buchgedanken] Stephen Rebello - Hitchcock und die Geschichten von Psycho

Diese Kritik muss ich einem Freund widmen, der mich zweieinhalb Monate lang genervt hat, bis ich endgültig die Schnauze voll hatte und das Buch gelesen habe. Vielen Dank, ohne dieses auf-die-Zehen-Treten hätte ich ein geradezu geniales Sachbuch verpasst und nie erfahren, dass man auch Sachbücher verfilmen kann ...

Die Rede ist von einem Klassiker der Filmwissenschaften. Stephen Rebello stellt in diesem Buch die Entstehung des Filmklassikers "Psycho" dar und analysiert dabei sowohl den Entstehungshintergrund als auch das extrem zerbrechliche Geflecht zwischen Alfred Hitchcock und seinen Mitarbeitern. Während der "Meister des Schreckens" filmtechnisch nur Verneigungen ernten kann, war Mitarbeiterführung für ihn eher ein Fremdwort. Quasi diktatorisch herrschte Hitchcock am Set, nahm nur das zur Kenntnis, was für sein Schaffen notwendig war, und ließ die langweiligen Arbeiten lieber von anderen erledigen. Wobei er auch da immer die Eminenz im Hintergrund war, eigenständige Arbeit war nur dann möglich, wenn sie in sein Gesamtkonzept passte. Auch seine Hauptdarstellerinnen wurden von ihm gegängelt und gedrängelt, da er mit Grace Kelly eine Art Gesamtkunstwerk geschaffen hatte, das es dann wagte, ihm durch ihre Hochzeit mit einem dahergelaufenen Monarchen die Pläne zu versauen! Als Hitchcocks Interesse für "Psycho" geweckt wurde, begannen nicht nur intensive Produktionsarbeiten, sondern auch eine sehr spannende Neuerung im Bereich des Kinofilms - das Publikum dazu zu bringen, einen Film von Anfang an zu sehen ...

Das Buch ist chonologisch aufgebaut und folgt den Dreharbeiten von der ersten Drehbuchidee bis zum ausgeklügelten Werbefeldzug und den enttäuschten Oscar-Hoffnungen. Das ist besonders gut für jemanden, der keine Ahnung hat, was eigentlich alles zum Filme-Machen dazugehört - man wird da vermutlich fast erschlagen von Berufen, die man noch nie zuvor gehört hat. Was ich mir hier und da gewünscht hätte, wäre umfangreicheres Bildmaterial gewesen, mit dem man die betreffenden Personen mal gesehen hätte und vor allem auch die Szenen aus "Psycho" noch einmal hätte nachvollziehen können - ich habe mir den Film letztlich tatsächlich auf DVD besorgt, weil es verdammt spannend war, die Szenen zu Rebellos sehr klugen Analysen noch einmal anzuschauen. Das Buch ist interessant, lehrreich, faszinierend und extrem spannend geschrieben - trotz des extrem langweilig klingenden Themas - wer sich auch nur im Ansatz für Filme interessiert, sollte hier mal zugreifen. Oder sich den Film "Hitchcock" ansehen - der ist nämlich das Buch als Film :-p

[Buchgedanken] Markus Heitz - Die Mächte des Feuers

München, 1925. Silena arbeitet wie ihre beiden Brüder für eine Orgaisation der katholischen Kirche, die sich einem einzigen Ziel verschrieben hat: Drachen zu töten. Da Flugdrachen bis in die Gegenwart hinein aktiv sind, haben sich die Nachfahren der Drachenheiligen ihrer Vernichtung verschrieben, wobei jede Familie sich ein wenig spezialisiert hat. Und so ist Silena eine der wenigen Pilotinnen, die es wagt, die Viecher direkt im Luftkampf zu besiegen. Als ihre beiden Brüder getötet werden, bekommt Silena von ganz oben den Befehl, Pause zu machen und dafür zu sorgen, dass ihre Linie nicht ausstirbt - doch sie hat ganz andere Pläne, will sie doch den Tod ihrer Brüder rächen. Was jedoch auch sie nicht ahnt: neben den gewöhnlichen Drachen gibt es die Altvorderen, Drachen, die man nur aus den Mythen und Legenden kennt. Sie sind es, die die Welt beherrschen und die gerade wieder einmal zu einem neuen Krieg rüsten ...

Ich habe das Buch jetzt endlich mal wieder gelesen, da ich nach einer riesigen medimops-Bestellung die Fortsetzung "Drachenkaiser" im Schrank stehen habe und doch nochmal kurz nachvollziehen wollte, was da eigentlich los ist. Wie immer bei Markus Heitz haben wir hier ein hochgradiges Action-Spektakel, bei dem viel Geknalle und Explosionen gepaart mit einem hohen Bodycount auftritt. Das ganze aber so charmant und schnell erzählt, dass man sich dabei vor allem blendend unterhalten fühlt. Das Reizvolle an "Die Mächte des Feuers" ist einfach die Tatsache, dass wir es hier mit einer Art Paralleluniversum zu tun haben, in der Drachen alltägliche Behinderungen des Flugverkehrs sind und noch immer die alten Königreiche existieren, da der Erste Weltkrieg ein wenig anders ausgegangen ist als wir es kennen. Dass nämlich Staatsoberhäupter nichts anderes sind als Spielfiguren in einem Jahrtausende alten Kampf der Urdrachen ist ein spannender Schachzug, aus dem Heitz hier einiger herausholt. Die abgedrehten Ideen und vor allem der Machtkampf der Drachen untereinander sind spannend ausgearbeitet und vor allem der finale Endkampf bietet alles, was das Actionherz benötigt.

Allerdings finde ich dann doch, dass in diesem Buch die sehr eindimensionalen Figuren mehr als offen zutage treten. Mir ging gerade Silenas permanente Tough-heit zunehmend auf den Wecker, die dann in einer extrem klischeehaften Liebesepisode endet. Aber andererseits: diese Drachen sind schon verdammt cool :-)

Dienstag, 14. Oktober 2014

[Hörbuch] "Der Trümmermörder" ( gelesen von Burghart Klaußner)

Hamburg, 1947. In der britischen Besatzungszone versuchen die Menschen mehr schlecht als recht durch den Winter zu kommen. Zu ihnen gehört auch Kommissar Stave, der in diesem klirrenden Winter mit einer Mordserie konfrontiert wird. Alles nimmt seinen Anfang mit einer weiblichen Leiche, die nackt in einem Trümmergrundstück gefunden wird ohne einen einzigen Hinweis auf ihre Identität. Schon bald finden sich dazu die Leichen einer weiteren Frau, eines kleinen Mädchens und eines alten Mannes. Doch was haben die vier gemeinsam? Staves Ermittlungen führen ihn hinein in eine Welt, in der Fälschungen und Lügen für die Menschen aus purer Not zum Alltag geworden sind, in der die letzten vierzehn Jahre noch immer Schatten werfen, in die die niemand eintauchen will, und in der er selbst sich immer wieder die Frage stellen muss, wie viel Wahrheit er herausfinden will ...

Hmmm ... Ich habe dieses Hörbuch vor einiger Zeit schon im CD-Player gehabt und schiebe die Rezension seitdem vor mir her. Ich fand den Fall wirklich nur leidlich spannend, die Auflösung hat sich schon sehr früh zumindest für mich erahnen lassen. Das fand ich besonders schade, denn eigentlich beruft sich Rademacher auf einen realen Fall aus Hamburg im Jahr 1947, der bis heute als ungeklärt gilt, und für mich war die Lösung schon sehr an den Haaren herbeigeschrieben. Garniert wurde das Ganze dann mit sehr vielen Beschreibungen von Elend, Leid und Alltag der unmittelbaren Nachkriegszeit im kältesten Winter 1947 - die an und für sich bestimmt interessant sind, für mich aber auch wahnsinnig langatmig daherkamen. Allein die Beschreibung der Szene, wenn Stave morgens aufsteht, hat mir fast die Lust verdorben, weiterzuhören, weil mich nicht jede kleine Kleinigkeit interessiert. Dass wir dann auch noch in einer Zeit sind, in der Polizeiermittlungen halt nicht per Telefon und Computer, sondern in guter alter Fußarbeit erledigt werden müssen, vergeht auch zwischen zwei Hinweisen, die den Fall mal weiterbringen, eine so unendlich lange Zeitspanne, dass ich abzuschweifen beginne. Und darin lag für mich die größte Schwäche dieses Buches, das so immer weniger Krimi und immer mehr Sittengemälde sein wollte, und dann so viel reingepackt hat, dass ich langsam die Lust auf alles verloren habe. Wenigstens eine der Stories hätte man doch erst in Band zwei oder drei auftauchen lassen können, so hatte ich das Gefühl, das dient in erster Linie dem Seitenfüllen, weil es im Fall so gar nicht weitergeht.

Immerhin war das Hörbuch dank des Sprechers nicht langweilig. Burghart Klaußner spricht Hamburgerisch, radebrecht englischen Akzent, parliert in dezentem Französisch, und schafft für die Figuren individuell erkennbare Sprechweisen, die mich bei der Stange halten. Seine Klangfarbe und dieses Variationenreichtum sind es dann auch, die das Hörbuch für mich wieder zu einem echten Tipp werden lassen, denn so langatmig der Fall auch sein mag, am Ende wollte ich halt doch hören, wie es weitergeht ;-)

Samstag, 13. September 2014

[Bedeutende literarische Ereignisse] Am Grab von Douglas Adams

Lieber Mr. Adams!


Ich wollte Ihnen ja immer mal Danke sagen.
Danke, dass Sie mit dem "Anhalter" ein Buch geschaffen haben, dass meinen Vater und mich zusammengebracht hat.
Danke für den Namen Trillian.
Danke, dass Sie mir gezeigt haben, wie wunderschön Manatees sind.
Danke für Ihre Inspiration.
Ich hab es nie gemacht.
Gab immer anderes zu tun als Ihnen zu schreiben.
2001 sind Sie gestorben.
Scheiße, ich unterrichte Kinder, die da nicht einmal auf der Welt waren.
Und dann stolpere ich im Urlaub per Zufall über Ihren Grabstein
Und dann wird mir klar, dass es das war.
Und dann stehe ich heulend auf dem Highgate Cementary.
Und dann sehe ich den kleinen blauen Daumen, den Ihnen jemand auf das Grab gelegt hat.
Und dann weiß ich, dass Sie da draußen mit einem Yangtse-Delphin durchs Weltall schwirren und ich wünsche mir, dass ein oder zwei Ihrer Moleküle in mir stecken.
Und dann sage ich es laut auf dem Friedhof.

DANKE!

Dieser Text ist tasächlich nach Jahrzehnte ein Versuch, mal wieder aktiv zu schreiben. Seht es mir nach. Es war ungelogen der bewegendste Moment seit langem, auf dem Friedhof zufällig zu sehen, dass der Lieblingsschriftsteller dort begraben liegt.

[Buchgedanken] Elke Schulze - Erich Ohser alias e.o.plauen. Ein deutsches Künstlerschicksal

Es gibt Autoren, deren Leben tritt so vollständig hinter ihren Werke zurück, dass man immer wieder überrascht davon ist, dass sie reale Personen waren. e.o.Plauen gehört mit Sicherheit zu diesen Personen, denn mal ehrlich, was weiß man über ihn? Mit viel Glück, dass der Erich Ohser aus Plauen kam und einen Sohn hatte - und da sind wir auch schon bei "Vater und Sohn" angekommen. Dabei ist das Leben dieses Mannes so was von verflucht ... kompliziert und spannend, dass es sich lohnt, sich damit näher zu beschäftigen.

Elke Schulze nimmt den Leser dieser sehr reich bebilderten Biografie mit in dieses Leben, allerdings - und das ist mein wesentlicher Kritikpunkt - streift sie dabei nur an der Oberfläche. Wir begleiten Erich kurz zur Schule, erfahren von seiner Entscheidung, Künstler werden zu wollen, und von den zwei Freundschaften, die sein Leben prägen werden: Erich Kästner, dessen Gedichtbände er zum Teil später illustriert, und Erich Knauf, einem Zeitungsredakteur, mit dem Ohser schließlich 1944 gemeinsam ins Gefängnis wandern sollte. Doch bis dahin liegt noch ein Weg, auf dem e.o.plauen alles mitnimmt, was möglich ist. Eine On-Off-Beziehung mit seiner großen Liebe Marigard, eine Künstlerin wie er, die nach der Machtübernahme die Familie alleine durchbringen musste, weil Ohser dank seiner politischen Karikaturen ein Berufsverbot erhalten hatte. Dann 1934 die Möglichkeit, unter Pseudonym Comic Strips zu veröffentlichen - und der Durchbruch mit "Vater und Sohn", zwei trotz aller NS-Anpassung des Künstlers so unpolitischen und unangepassten Figuren, dass man sie liebhaben muss. Die sogar Goebbels mit dem Karikaturisten versöhnen, der bald zum Erfolgsgaranten wird und einen Popularitätsaufschwung erlebt, dass er schließlich sogar wieder politische Karikaturen anfertigen darf. Und schließlich 1944 der Selbstmord unmittelbar vor dem Beginn eines Prozesses, weil der schwerhörige Ohser seinem Freund Erich wieder einmal zu laut politische Witze erzählt und diesmal die falschen Leute zuhören ... Dieses Leben wird in Zitaten, Faksimiledrucken und vor allem Fotografien ausgebreitet in einem überbordenden Bilderreigen, der zum Weiterlesen verführt, gepaart mit einfachen und gut recherchierten Kapiteln zu all diesen Stationen. Die Autorin schreibt einfach, klar und sachlich, ich habe mich jede Sekunde informiert und unterhalten gefühlt, wenn auch wie gesagt, sehr vieles nur an der Oberfläche blieb.

Ich hoffe, dass es bald mal eine richtig lange, gut aufbereitete Biografie über ihn gibt, für die dieses Buch eine gute Grundlage sein kann. Ich würde sie sofort kaufen!!

[Buchgedanken] Friedrich Dürrenmatt - Das Versprechen

1957 wurde der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt darum gebeten, das Drehbuch für einen Film zu entwickeln, der Sexualverbrechen an Kindern thematisieren sollte. Während der Arbeit am Film kam es jedoch immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Dürrenmatt, dem Regisseur und den Produzenten, und auch wenn er den Film am Ende nicht ablehnte, war es für Dürrenmatt keine wirklich befriedigende Aufgabe geworden. Ihn hätte vielmehr die Frage interessiert, ob ein Mörder denn tatsächlich allein durch clevere Polizeiarbeit gefasst werden kann oder ob nicht vielmehr der Zufall die Polizeiarbeit steuert. Um dieser Frage nachzugehen, schrieb er nach Ende der Drehbucharbeit den Roman "Das Versprechen", der die Handlung des Films als Ausgangslage nimmt, allerdings auch deutliche Änderungen aufweist, die er im Film nicht hatte durchsetzen können.

Den Inhalt kurz zusammenfassen kann ich fast gar nicht, denn dadurch würde die Qualität des Romans schon dadurch verloren gehen, dass man die Rahmenhandlung nicht würdigt. In ihr ist ein Schweizer Kriminalschriftsteller auf einer Tagung und lernt dort einen Kriminalkommissar kennen. Bei einem gemeinsamen Abendessen kommen die beiden ins Diskutieren über den Anspruch des Kriminalromans, eine Lösung zu präsentieren und die Leser zu unterhalten, der mit der Realität des Polizeialltags nichts zu tun hat. Um dies zu beweisen, nimmt der Polizist den Schriftsteller mit zu einer Tankstelle, die von einem ehemaligen Kollegen betrieben wird, und erzählt dessen Geschichte. Besagter Kommissar Matthäi ermittelte in einem Fall eines ermordeten Mädchens und gab den Eltern das Versprechen, den Mörder zu finden. Der schon bald festgenommene Hausierer, der sich im Gefängnis umbringt, ist nach Matthäis Überzeugung nicht der Täter und so ermittelt er privat weiter.

Ich habe das Buch wirklich in kurzer Zeit durchgehabt, denn Dürrenmatts Schreibweise kommt mir sehr entgegen: keine langen Worte, keine unnötigen Zwischenschritte, sondern sehr klare und präzises Aussagen mit messerscharfen Beobachtungen. "Das Versprechen" ist kein klassischer Kriminalroman, sehr früh steht fest, dass Matthäi scheitern wird, ja im Dienst der Geschichte einfach scheitern muss, und dennoch hofft man als Krimileser das Gegenteil. Ich finde sogar, dass das dann in der Rahmenhandlung präsentierte Ende fast noch gestrichen werden sollte, es kommt mir ein bisschen so vor, als wollte Dürrenmatt hier dem verwirrten Leser doch noch eine gewohnte Auflösung schenken - dabei ist doch das eigentlich Interessante am Buch, dass dies eben nicht so ist. Dass die Probleme der Polizei nicht die Verbrechen sind, sondern die Ungewissheit, den Verbrecher zu finden - und dass die größten Versprechen nichts nützen, wenn der Zufall sich dagegen wendet. Matthäi ist jemand, der dieses Prinzip nicht wahrhaben will und daran zugrunde geht, ein verbissener Jäger, der seine Beute nicht loslassen will und dafür im Notfall über Leichen geht. Eigentlich ein Unsympath, und dennoch empfindet man für ihn Mitleid - es ist nicht seine Entscheidung, so zu werden, es ist das Verprechen, das er halten will und nicht halten kann. Bei seiner Seligkeit schwört er der Mutter des toten Mädchens, den Mörder zu fassen, und genau die riskiert er auch mit seiner jahrelangen Suche.

Ein deprimierendes Buch? Ja. Aber trotzdem ein Buch, das es auf die "Zum Glück endlich gelesen"-Liste schaffte.

Sonntag, 24. August 2014

[Buchgedanken] David Sedaris - Sprechen wir über Eulen - und Diabetes

Ich habe wirklich sehr lange warten müssen, bis ich endlich wieder einmal von meinem Lieblingsautor gehört habe. David Sedaris ist der Held meiner Teenagerzeit, seit ich mit 17 zum ersten Mal "Nackt" gelesen habe, wirklich gefangen hat er mich dann mit "Ich ein Tag sprechen hübsch". Seitdem muss ich automatisch jedes Buch besitzen, auf dem sein Name steht, und ich überlege ernsthaft, ein Abo des New Yorker zu erwarben, in dem er immer wieder veröffentlicht. Dementsprechend bin ich natürlich sehr, sehr voreingenommen, was das neue Werk betrifft ... Aber zurück zum Buch ;-)

Eigentlich gefiel es mir wirklich sehr gut, allerdings sollte man es sich doch eher auf Englisch besorgen. Da ich zwei der Geschichten im Original kenne, konnte ich hier ein bisschen sehen, dass der Übersetzer zwar ganz okay gearbeitet hat, die absurde Sprachkunst von Sedaris aber einfach nicht hingekriegt hat, und das erklärt vielleicht den Smilie in der Bewertung am besten. Das Buch versammelt zunächst einmal viele Impressionen aus dem Leben des David S., in denen er absurde Begebenheiten des Alltags aufgreift, darüber reflektiert, sie auf die Spitze treibt. Es gibt ein Wiedersehen mit der chaotischen, verrückten und nichtsdestotrotz liebenswerten Familie Sedaris, mit Davids Langzeitlebenspartner Hugh (grade eben habe ich auf Facebook gelesen, sie sind seit 23 Jahren ein Paar :-) ) und es gibt dazwischen auch einige "nicht-David"-Geschichten, in denen aus der Sicht von Teenagern, einer Tea-Party-Anhängerin und anderen Leuten geschrieben wird, deren Weltsichten auch nicht viel verquerer sind als in den restlichen Geschichten. Obwohl, vielleicht doch ein kleines bisschen ...

Man muss sich auf das Buch einlassen, habe ich festgestellt, nachdem ich es voller Begeisterung anderen Leuten ausgeliehen habe. Einfach nur ein bisschen unterhalten wird man bei Sedaris selten, dazu sind bei ihm Triumph und Tragödie zu nahe beieinander. Aber wenn man es tut, wird man wirklich belohnt mit einem berührenden Buch. Berührend beim Lachen, beim Nachdenken, beim Kopfschütteln - man wird es sicher nicht zuklappen und es danach komplett vergessen ;-)