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Donnerstag, 16. Dezember 2010

David Ebershoff - Das dänische Mädchen


Für dieses Buch muss ich ein bisschen ausholen...

Vor etwa vier Jahren bin ich beim Durchzappen über einen Literaturtip gestolpert. Die Geschichte der ersten Geschlechtsumwandlung sollte erzählt werden - klang interessant, nur hatte ich sowohl Autor als auch Titel verpasst und sortierte das ganze dann unter "Wenn ich irgendwann mal Zeit habe, google ich danach" ein.
Im August war ich dann für zwei Wochen in England. Da mir, wieder mal, der Lesestoff ausgegangen war, stürmte ich den nächsten Buchladen und fand dort ein ziemlich vielversprechend klingendes Buch: "The 19th wife" von David Ebershoff. Ich begann, das Buch zu lesen, es gefiel mir, und deshalb machte ich mich auf zu amazon, um nach der deutschen Übersetzung zu suchen - Weihnachtsgeschenkt für Papa und so. Die Übersetzung gab es noch nicht, dafür stolperte ich über den ersten Roman von Ebershoff, der den unauffälligne Titel "Das dänische Mädchen" trug. Ich las gar nicht, um was es ging, sondern bestellte einfach mal - und hatte dann jetzt endlich die Zeit, mich ihm zu widmen. Tja, nachdem ich den Klappentext überflogen hatte, wusste ich, dass mir das Buch gefallen wird - weil es genau dieses Buch ist, dass ich damals, vor vier Jahren googlen wollte und es nie getan habe. ;-)

"Das dänische Mädchen" ist Lili Elbe - oder um genau zu sein, zunächst ist es Einar Wegener. Einar Wegener war ein dänischer Landschaftsmaler, der eines Tages von seiner Frau Greta gebeten wurde, für eines ihrer Modelle einzuspringen. Nachdem Einar zum ersten Mal in Frauenkleider geschlüpft war, begann er, sich darin sehr wohl zu fühlen, schließlich und endlich zogen er und Greta nach Paris, wo er - was ich immer noch erstaunlich finde, wir reden hier von den Endzwanziger Jahren - sehr offen als Lili lebte, während seine Frau, nach allem, was ich bisher mitbekommen habe, parallel eine lesbische Beziehung führte. Letzten Ende entschied sich Einar/Lili dazu, in Dresden eine Operation vornehmen zu lassen, die für die damalige Zeit ein absolute Novum darstellte: eine Geschlechtsumwandlung. Lili Elbe war die erste Transsexuelle, die sich operieren ließ, die man nachweisen kann, und hatte ein ziemlich tragisches Ende: sie starb an den Folgen einer weiteren Operation, bei der ihr ein Uterus transplantiert werden sollte, um sie zu einer gebärfähigen Frau zu machen. Ich habe einfahc mal gesucht und tatsächlich ein Foto gefunden, das sowohl Lili als auch Einar zeigt. Man kann heute nicht mehr genau sagen, welche Form von Transsexualität vorlag, die meisten gehen heut von einem XXY-Chromosomendefekt aus, denn bei der ersten Operation sollen tatsächlich weibliche Geschlechtsorgane gefunden worden sein. Das war es glaube ich, was mich von Anfang an an dem Buch fasziniert hat...

Das ist ein Stoff, von dem ein Autor nur träumen kann, und David Ebershoff hat aus dem Buch alles rausgeholt, was nur möglich war. Obwohl er sich stark an der realen Geschichte orientiert - insbesondere an den Zeitungsartikeln, die damals durch die Weltpresse gingen, und an Lilis Lebenserinnerungen - ist es keine Biographei, sondern ein fiktionaler Roman, in dessen Mittelpunkt die außergewöhnliche Beziehung zwischen Einar/Lili und Greta steht. Es ist ein unglaublich stiller Roman, keine großen aufrüttelnden Elrbenisse für den Leser werden freigesetzt, sondern kleine Gedanken (und mich würde doch interessieren, ob die Geschichte mit Gretas Großmutter tatsächlich wahr ist, die laut Buch ein sehr bizarres Lebensende gefunden hat...) und Entdeckungen. Ebvershoff hält sich als Autor komplett aus der Geschichte heraus, re beleuchtet die Tragik und Komik aller Figuren von allen Seiten. Und ich freue mich wahnsinnig, das Buch gelesen zu haben und als letztes Buch in diesem Jahr weiterempfehlen zu können ;-)

Stewart O'Nan - Eine gute Ehefrau

Patty ist 27, als sich ihr ganzes Leben verändert: ihr Ehemann Tommy wird wegen Totschlags zu fünfundzwanzig Jahren bis lebenslänglich verurteilt. Patty, die gerade ihr gemeinsames Kind geboren hat, steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens, das anscheinend nur auf Lügen aufgebaut war, und trotzdem beschließt sie, es allen zu zeigen: sie wird Tommy treu bleiben, sie wird ihn nicht verlassen und kein neues Leben angfangen. Sondern ein Leben mit und gleichzeitig ohne ihn.
Ich bin auf Stewart O'Nan vor ein paar Jahren durch Zufall aufmerksam geworden, und als ich neulich "Eine gute Ehefrau" in einer Remittenden-Kiste entdeckt habe, musste ich zugreifen. Wie in jedem Buch: man erkennt den Faulkner-Preisträger. Da sitzt jeder Buchstabe genau da wo er hingehört, da werden mit einfachsten Mitteln so dichte und atmosphärische Bilder erzeugt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will. Die Geschichte, die O'nan hier erzählt, ist trostlos, jede Hoffnung, die er aufbaut, wird innerhalb kurzer Zeit doch wieder zerstört - um am Ende wenn schon nicht optimistisch, dann wenigstens ohne Pessimismus zu enden. Nach achtundzwanzig Jahren.

Jodi Picoult - Beim Leben meiner Schwester

Ich habe mich lange, lange, lange gedrückt um dieses Buch. Erstens, weil ich den Film nichtmal bis zur Hälfte durchgehalten habe, so verkitscht und nervig fand ich ihn, und zweitens, weil ich Angst hatte, das Buch wäre genauso. Dann habe ich letzte Woche in der Bücherei wieder mal einen akuten Anfall von Buchbulemie (alles mitnehmen, was nur geht, könnte ja sonst von jemand anderem ausgeliehen werden), habe "Beim Leben meiner Schwester" eingepackt, gestern auf zwei Zugfahrten gelesen und -
Ich bin überrascht.

Zunächst mal war ich fasziniert vom ständigen Erzählerwechsel. Genau dadurch kommt tatsächlich jede Figur zu Wort - obwohl eine eben gerade nicht, nämlich die, um die sich ja letztendlich alles dreht - und jede einzelne Person wird nachvollziehbar. Wirklich jede. Und genau dadurch stehe ich als Leser so da wie der Richter: zwischen allen Stühlen und man erwartet von mir, eine Entscheidung zu fällen, was einfach nicht funktioniert.
Was mich am Buch allerding swirklich umgehauen hat, war das Ende. Nicht nur, weil es unerwartet kommt, sondern weil ich finde, - und das passiert bei so "schicksalhaften" Enden bei mir wirklich nur sehr selten - dass es so logisch ist. Es ist das einzige Ende, das passt, um den Leser nicht am Ende in einem Wust aus Möglichkeiten und Schuldzuweisungen und weiß der Geier was sitzen zu lassen, sondern um konsequent dahin zu gehen, wohin die Geschichte eigentlich steuert.