Sonntag, 19. Juni 2016

[Buchgedanken] Elias Canetti - Die Stimmen von Marrakesch

1954 wird Elias Canetti Begleiter eines Filmteams, das in Marokko eine Dokumentation dreht. Er selbst ist als Autor dabei und hält dabei seine Eindrücke von Marrakesch fest. Dies allerdings nicht wie in einem klassischen Reisebericht, sondern als Skizzen und Miniaturen, in denen er seine Leser entführt in die Seiten Marrakeschas abseits der Sehenswürdigkeiten. Elias Canetti streift durch die arabischen und jüdischen Viertel der Stadt, atmet die seltsamen Gerüche, beobachtet die feilschenden Händler in den Suks und die Verkäuferinnen duftenden Brotes, vernimmt die Stimmen der Blinden, Bettler und zungenlosen Krüppel in den Slums, spürt die Nähe des Todes vor den Kamelen mit ihren Schlächtern, staunt über die vielen Gesichter armer Juden in der Mellah und wird Zeuge des Lebens in einer Stadt, die so fern von westlichen Erfahrungen ist und dennoch nicht einfach das Bild des Orients vermittelt ...

Ich habe mich zumindest in den letzten Wochen sehr weit von meinen normalen Leseorten entfernt und bin so dann auch in Marokko gelandet. Das Buch stand schon seit mehreren Jahren bei mir im Schrank, was ich im Nachhinein wirklich bereue. Vielleicht braucht man aber auch ein schwül-warmes Wochenende wie vor kurzem, um sich auf dieses Buch einzulassen und davontragen zu lassen. Zumindest mir ging es so beim Lesen, dass mich umgeben von diesem Wetter Canettis Sprache eingefangen und mir die Bilder sehr nachdrücklich vor Augen geführt hat. Dabei ist er nicht einmal sonderlich sprachgewaltig, sodass ich sagen würde, er haut mich völlig um, aber seine Beschreibungen haben einfach dieses Etwas, das alles, was er gesehen hat, lebendig macht. Ich muss dazu sagen, dass es meine erste Begegnung mit Canetti war, bisher habe ich ihn einfach als Autor so gar nicht wahrgenommen. Das werde ich schleunigst ändern und mich bei seinen Marokko-Büchern noch ein bisschen länger aufhalten, wenn möglich :-)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen