Freitag, 28. Oktober 2011

T.C.Boyle - Das wilde Kind

Ich staune immer mal wieder drüber, wenn in Rezensionen von T.C.Boyle die Rede ist und man ihn mit dem schönen Begriff des „Humoristen“ bedenkt. T.C.Boyle ist ein ausgemachter Zyniker, aber sicher nicht „Humorist“, auch wenn er seinen Zynismus mit einer Portion Humor anreichert. Umso überraschter war ich, als ich „Das wilde Kind“ in die Hände bekam, denn das ist ein so untypischer Boyle, der aber gleichzeitig in sein Gesamtwerk passt. In der ziemlich schmalen Erzählung geht es vor allem um die faustisch anmutende Frage, was es ist, das uns zum Menschen macht.
„Das wilde Kind“, das ist Victor. Er wurde (und das ist tatsächlich der reale Kern an der Geschichte) 1797 im Süden Frankreichs gefunden, nackt auf einem Baum. Victor war im Wald aufgewachsen, ohne Kontakt zur Außenwelt oder zu Menschen, er konnte nicht sprechen, erkannte sein Spiegelbild nicht und war damit ein gefundenes Fressen für die Wissenschaft, die hier den „reinen Wilden“ frei nach Rousseau erkannte. Victor wurde in die Obhut einer Taubstummeneinrichtung gebracht und seine Erziehung dem Arzt Jean Itard anvertraut, der ihn nicht nur Grundkenntnisse im Alltagsleben vermitteln sollte, sondern vor allem das Gefühlsleben des Jungen erforschen sollte.
Was aus Victor wurde? Darüber weiß man nicht allzu viel, denn nach Abschluss von Itards Forschungen verschwand er mehr oder weniger im Dunkeln der Geschichte. Auch Boyle hält sich mit der Ausschmückung dieser Details nicht auf, sondern konzentriert sich in seiner Erzählung einzig auf die fünf Jahre Forschung Itards, die in ihrem Forschungsdrng fast schon erschreckend und gleichzeitig so faszinierend sind: was macht uns zum Menschen? Verstehen wir tatsächlich etwas oder sind wir nur vom actio-reactio-Prinzip geprägt? Wieviel darf Wissenschaft, um zur Erkenntnis zu gelangen? Wieviel ist das „Menschliche“ in uns wert, wenn wir der Wissenschaft dienen sollen? Und was bedeutet „Mensch sein“ tatsächlich?
Victor ist umgeben von antändigen Menschen, die der Meinung sind, das Beste zu tun. Für ihn und für die Menschheit. Dass das aber nicht automatisch dieselbe Richtung bedeutet, fällt dabei unter den Tisch, und als Leser sitzt man zum Teil fasziniert-erschreckt da und fragt sich, ob denn niemand merkt, dass Victor auch ohne geometrische Formen bislang sehr gut überlebt hat. Im Gegensatz zu Kaspar Hausser (der zwar isoliert aufgewachsen ist aber dessen Isolation nicht so vollständig gewesen sein kann wie die von Victor) war bei Victor nicht zu erwarten, dass man hier jemanden findet, der sich nach einem halben Jahr in fließender Sprache über sein bisheriges Leben äußern kann, aber trotzdem wird es versucht – einfach nur, weil man es kann und niemand „nein“ sagt.
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